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LaGrantig

Die Lieder meines Lebens.

Gott zum Gruße und schönen Samstag, liebe Grantler.

Ich weiß, ich lasse momentan eher wenig von mir hören – könnte unter anderem daran liegen, dass ich einer weiteren Beschäftigung habhaft geworden bin, der ich inzwischen äußerst gerne nachgehe – worum es sich hierbei handelt, soll ein andermal erzählt werden.

Heute gibts keine richtige Geschichte, sondern vielmehr einen Pulk an kurzen Anekdoten im Rahmen eines Überbegriffs: Musik.

Auf die Idee bin ich vor zwei Wochen gekommen, als ich am Rückweg aus Oberösterreich zwischen Pöchlarn und Melk im Stau stand und versuchte, meinem in die Jahre gekommenen Autoradio einen zumindest marginal rauschfreien Sender abzuringen, um dem Verkehrsfunk zu lauschen, weshalb ich schlussendlich auf Ö3 landete.

Ich muss anmerken, dass ich Ö3 seit Jahren nicht mehr höre, da ich mich der akustische Folter, die sich aus Mainstream-Pop, behämmerten Moderatoren und Werbung in Überlänge zusammensetzt, nicht freiwillig aussetzen will. Zuhause und in der Arbeit läuft Radio Wien, im Auto manchmal Radio Arabella, da spielen sie zumindest gelegentlich die Achtziger oder etwas anderes, das bei heruntergelassenem Fenster an roten Ampeln zum Mitbrüllen und Passanten-Verstören einlädt.

Jetzt lief halt der Ö3 und ich konnte dem Verkehrsfunk entnehmen, dass irgendwo im Baustellenbereich eine Ölspur entfernt werden musste. So weit, so gut, ich hatte die Info die ich begehrte, und wollte schon wieder auf CD umschalten, als mich eine Art Motto hellhörig werden ließ: „Der Song deines Lebens“.

Im Zuge des 50-jährigen Bestehens des Radiosenders konnten die geneigten Hörer offenbar einige Zeit zuvor online abstimmen, mit welchem Song sie bestimmte Emotionen verbinden. Dieser wurde dann gelistet, und so ergab sich eine Top- 1000 (!)- Liste, die am Freitag nach Pfingsten um die Mittagszeit ihren Höhepunkt mit Platz 1 der meistgewählten Lieder finden sollte. Der Countdown lief Tag und Nacht, und dazu hatte man diverse bereits aus dem Dienst ausgeschiedene, ältere Moderatoren wieder an Bord geholt, um halbtags zu moderieren und Anekdoten aus ihrem Leben als aktive Ö3- Moderatoren wiederzugeben. Eingespielt wurden diverse Anrufe vom Publikum, die kurz erzählten, wieso das gewählte Lied eine Bedeutung für sie hat, was das Ganze doch eher persönlich gestaltete – zumindest persönlicher als der ganze Schund, der sonst immer auf diesem Sender läuft.

Man kann ja viel sagen, aber dieses Konzept fing an, mir zu gefallen. Etwas Ähnliches hatten wir zu Ostern auf 88,6 schon erlebt, weshalb da bei Panzers Geburtstagsfeier auch die ganze Zeit nur das Radio lief; ich glaube, es ging um die besten 500 Rock-Songs.

Als ich den Sender aufdrehte, war Ö3 gerade bei Platz 832.

Zur Folge hatte diese Aktion, dass ich die ganze Woche, bis Freitag zu Mittag, immer wenn es möglich war, den Radio aufgedreht hatte, um den gewählten Liedern zu lauschen: von Uralt- Gassenhauern, Neue Deutsche Welle, über Austropop bis hin zu Neunziger- Gedöns war alles vertreten, was sich das eigene musikalische Gedächtnis nur wünschen konnte, weshalb ich im Zuge der ganzen Erinnerungen, die selten gehörte, aber doch lieb gewonnene Lieder in mir evozierten, anfing, mir meine eigene Liste an Liedern auszudenken, und zwar jene Lieder, die seit einer langen Zeit mit ein und derselben Erinnerung verbunden sind. Zwar nicht aus meiner bevorzugten Musikrichtung, aber diese Lieder und die damit verbundenen Assoziationen entstanden schon, bevor ich anfing, dem Schwermetall zu fröhnen.

Die meisten dieser Erinnerungen sind lustiger oder schöner Natur, und zu manchen gibts ziemlich abgefahrene Geschichten, die ich mit lieben Leuten erlebt habe.

Jeder hat so einen Pool aus Erinnerungen, die mit einem bestimmten Musikstück verknüpft sind – auch ich versuche, manche davon gewaltsam wieder loszuwerden, indem ich sie mit einer anderen Erinnerung überlagern will oder sie so oft höre, bis sie totgespielt sind und nichts mehr auslösen; Spoiler: das funktioniert selten bis nie, weshalb ich mit manchen Liedern noch so meine liebe Not habe.

Ich denke aber, ich kann mich auf acht Lieder beschränken, wo selbige Erinnerung immer das Erste ist, das mir bei den ersten Takten dazu einfällt.

 

8.) Uriah Heep – Lady in Black

Hierbei handelt es sich tatsächlich um eine Erinnerung aus der Schulzeit, und nichts weiteres Diesbezügliches ist mit einer Form positiven Beigeschmacks verknüpft, weil es für mich einfach die beschissenste Zeit meines bisherigen Lebens war.

Jedenfalls konnten Lisa (bekannt aus „The students are there“) und ich manchmal mit Lisas Mama, der Michi, im Auto mit nach Hause fahren, wenn sie zur selben Zeit Schulschluss hatte wie wir (sie ist Lehrerin an der HAK Vöcklabruck). Überhaupt kann man unsere Oberstufenzeit als „Autozeit“ bezeichnen, denn wir hatten das Fortgehen für uns entdeckt, und ob des schleißigen Anschlusses unserer Wohnorte an das öffentliche Verkehrsnetz, besonders an Wochenenden, „musste“ sich immer eine Mutter oder ein Vater erbötig machen, uns zu nachtschlafener Uhrzeit in Vöcklabruck abzuholen, bis wir unsere Führerscheine hatten.

Lisas Papa, der Wolfi, ist ein Hippie wie er im Buche steht, mit profunder Blumenkinderkenntnis, einem breiten Ensemble an Snoopy-Shirts und einem facettenreichen Repertoire an selbst gebrannten Mix- CDs aller gängiger Siebziger- und Achtziger- Rocknummern, mit denen er uns auf unseren nächtlichen Fahrten durch den Bezirk die Musik näherbrachte, die zumindest für meinen weiteren Lebensweg immer einen Fixplatz im Erinnerungszentrum meines Hirns einnehmen sollte.

Jedenfalls, wenn Lisas Mama oder Papa dran war, uns irgendwo aufzuklauben (DANKE an dieser Stelle!), lief oft eine bestimmte Mix- CD im Autoradio, und das erste Lied auf dieser CD war nun mal „Lady in Black“ von Uriah Heep. Irgendwann dürfte ich kundgetan haben, wie sehr mir dieses Lied gefällt; von diesem Zeitpunkt an schoben es Lisas Mama oder Papa JEDES MAL in den CD-Player, wenn sie uns irgendwo abholten, weshalb es nicht nur einmal vorgekommen ist, dass Michi oder Wolfi samt ihrer angeschickerten Fracht laut singend die kurvenreiche Nacht durchpflügten.

7.) Adriano Celentano – Azzuro

Ich kann mir vorstellen, was ihr jetzt wahrscheinlich denkt – UND ES IST MIR SCHEISS EGAL.

Zu diesem Lied gibt es insofern einen besonderen Bezug, weil er zu einem unerwarteten Anlass von einer unerwarteten Person kam.

2016 war bekanntermaßen die Fussball- EM, und nach ewigem Hin und Her kam es zum Entscheidungsspiel Deutschland gegen Italien. Ich lasse mich manchmal von den Kapriolen der eingefleischten Fußballfans anstecken, und da man aus mehrfach bekannten und bewiesenen Gründen zu Österreich nicht halten kann, helfe ich immer zu Italien – obwohl ich mich kaum auskenne.

An dem Abend, als das Spiel stattfand, hatte ich Dienst in unserer Bar, dem Graffiti, das es leider seit einem Jahr nicht mehr gibt. Mein Chef und unsere Freunde sind eingefleischte Fussballfans, schauen alles, wurscht ob südsudanesischen Unterligafußball oder DFB-Cup, und letzten Sommer war es so, dass die „großen“ Spiele im Graffiti  auf unserem einzigen Fernseher übertragen wurden. Ohne Ton und mit hängendem Livestream verfolgten wir also unter viel Fluchen und Schimpfen und Jägermeister die Entscheidungsspiele, und an besagtem Abend war wie gesagt die Partie Deutschland- Italien dran.

Ich kann nicht allzu weit ausholen, da die gesamte Ausführung meiner überbordenden Abneigung gegen deutschen Fussball sonst den Rahmen sprengen würde, jedoch kann ich soviel sagen: meine Empfindungen diesbezüglich sind eine homogene Masse aus Ablehnung von so viel unbegründeter Shootingstar -Arroganz und Fremdschämen im Bezug auf die Fans, die sich trotz ihrer verkümmerten Testikel und wenig beanspruchten Gehirne für die Größten halten. Die Deutschen nehmen gerne die Leistung eines Einzelnen und verkaufen sie als Produkt der Gesamtheit; „Wir sind Papst“ ist nur eines aus sehr vielen, sehr traurigen Beispielen.  Fußball- Deutschland und seine Fans rangieren auf Platz 3 meiner unumstößlichen Abneigungen, nur übertroffen von Andreas Gabalier und der FPÖ. Wer sich auf dieser Liste findet, kann sich dessen gewiss sein, dass wir in diesem meinem Leben mit Sicherheit keine Freunde mehr werden.

Wenns also gegen Fußballdeutschland geht, würde ich sogar zu Kuala Lumpur oder St. Radegund helfen. Zu wem ich halten würde, wenn eine Mannschaft aus elf Gabaliers mit dem Strache als Trainer gegen Deutschland spielen würde, muss ich mir allerdings mal überlegen.

Das Lokal füllte sich gemächlich, und alle Fans aus beiden Lagern hingen gebannt am Bildschirm. Als es zum Elfmeterschießen kam, hätte man eine Stecknadel fallen hören, so gespannt hielten alle den Atem an. Auch ich kam meiner Tätigkeit, der triefäugigen Horde von Barbaren, von denen manche noch nicht einmal „Bitte“ und „Danke“ für ihren beschränkten Wortschatz aquirieren konnten, Getränke zu kredenzen, nur mehr sehr sporadisch nach.

Ich hatte einen Bekannten, der sein Rampensauleben mit jeder Faser seines Körpers auslebt, und der war a.) Deutscher, b.) gerade auf der Fanmeile und c.) nicht auszudenken, wenn Deutschland gewinnt, er die Stiegen in die Bar runterkommt und auf der obersten Stufe schon anfängt rumzubrüllen, wie toll „seine“ Recken nicht den Sieg erstritten haben. Soviel blasierten Pathos ertrage ich nach wie vor nur in homöopathischen Dosen, ergo hoffte ich weiter mit überkreuzten Fingern vor mich hin, dass er entweder nicht erscheinen oder- noch besser- dass Deutschland doch bitte verlieren möge, dann müsste ich mir nämlich das Geschwafel von Liebe und Zusammenhalt und Stärke und Brüderlichkeit nicht anhören, das er sich so gerne auf die Fahne schreibt und das aber nicht immer wirklich zu seinem sonstigen Habitus passt.

Wie jeder weiß, hat Italien beim Elfmeterschießen verloren, und ich habe mich unmittelbar nach dem Spiel von meinen Träumen und Hoffnungen verabschiedet und sie auf einem doppelten Vodka- Bull mit einem Jägermeister als Beilage seebestattet.

Der Lärmpegel schwoll wieder an, die Leute diskutierten und feierten und trauerten, und es war allgemein eher laut, und ich war schon wieder dabei, mich geistig für den Ansturm an Deutschlandfans zu wappnen, bis ich hörte, was unmittelbar nach dem Schlusspfiff aus unseren lokaleigenen Boxen knallte, und zwar in voller Lautstärke:

„Cercho l‘ estate tutto l‘ anno e all’improvviso eccola qua…“

In diesem Moment, ehre schwöre, verfiel ich KOMPLETT.

Unser DJ, seines Zeichens mein ehemaliger Gitarrist, spielte mir TROTZ Deutschland- Sympathie und TROTZ des Deutschland- Sieges ungefragt die inoffizielle Italien- Hymne! Es gab unmittelbar darauf tosenden Beifall von den Italienfans, eine fette Umarmung und einen Jägermeister von mir, und den restlichen Abend ertrug ich mit stoischer Gelassenheit, da er mir eins der unerwartetsten Geschenke gemacht hatte, die ich jemals bekommen hab. Seither denke ich bei „Azzuro“ IMMER an diesen einen Abend damals im Graff.

6.) Ted Nugent – Cat Scratch Fever

Mit oben beschriebener Horde, die auch eine Band sind, war ich 2013 auf einer kleinen Deutschland- Tour; unter Anderem führte uns unser Weg nach Wiesbaden, Mainz, Essen und Aschaffenburg (die genaue Reihenfolge weiss ich leider nicht mehr).

Wir hatten einen eher straffen Zeitplan, um von A nach B zu kommen, und drei geliehene Autos, die alle drei am selben Tag irgendein technisches Gebrechen aufwiesen: bei einem bekam man nur noch den dritten Gang rein, einem anderen ging die Batterie aus und irgendwann fiel auch noch bei einem der Innenspiegel ab. Jedenfalls lief die Tour in Anbetracht der technischen Gebrechen und zwischenmenschlichen Bedürfnisse nicht ganz so reibungslos ab, wie es wünschenswert gewesen wäre, aber ich weiß auch noch, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt selten so viel Spaß mit einem wüst zusammengewürfelten Haufen Leute hatte, die sich samt Equipment und Gepäck in kleine Autos quetschten, den lokalen Bier- und Apfelweinspezialitäten im Übermaß zusprachen und immer dieselben paar Lieder hörten, die sich auf einem USB- Stick befanden.

Die jeweilige Besatzung der Autos blieb nie wirklich gleich, wir wechselten immer durch, weshalb jeder mal Ted Nugent zu hören bekam, meistens gleich ein paar Mal, weil sich die Länge der Musikstücke auf dem Stick und die Länge der zurückzulegenden Strecke im Nachhinein als doch nicht deckungsgleich erwies.

Irgendwann, ich glaube, dass es in Wiesbaden oder Mainz war, hatten wir also alle einen ausgewachsenen Ohrwurm davon; jeder summte oder sang es zu den unterschiedlichsten Gelegenheiten und steckte alle anderen damit an. Irgendwo parkten wir auf der obersten Etage eines Parkhauses, von wo wir das Equipment, die Instrumente und das Gepäck dann im Stiegenhaus runterschleppen mussten. Da wir genug Leute waren, klappte das eigentlich ganz gut, jeder schnappte sich ein Trum und der Gänsemarsch setzte sich in Bewegung, das Stiegenhaus hinunter – bis einer zu singen anfing:

„They give me cat scratch fever – DA DA DAAA

Cat scratch fever – DA DA DAAA …“

Alle stimmten ein, und so zogen wir singend wie die Bremer Stadtmusikanten durch das Stiegenhaus und dem Ausgang zu, wo uns ein älterer Herr entgegenkam, der unseren vordersten Mann anhielt und freundlich fragte:

„Sind Sie ein Orchester?“

Bei diesem Lied erinnere ich mich immer gerne an unseren Deutschland- Trip, und muss immer grinsen, wenn ich an dieses Anekdötchen im Stiegenhaus zurückdenke.

 

5.) Israel Kamakawiwo’ole – Somewhere over the rainbow

Ein schönes Lied, das wohl auch jeder kennt, und eine der schönsten Erinnerungen an eine tolle Hochzeit.

Es war das „Einzugslied“ auf der standesamtlichen Hochzeit meiner ehemaligen Unikollegin und mittlerweile eine meiner besten Freundinnen, Niki, die ihren Freund Stephan, in der Villa Vita im Burgenland geheiratet hat. Ihnen verdanke ich diesen Blog.

Das Lied fing an zu laufen, als Niki aus der Kutsche stieg- UND ES HACKTE. Die ganze Zeit brach es ab und ging wieder weiter, woran es lag weiss ich nicht, aber es tat der Situation in ihrer Gesamtheit keinen Abbruch und sorgte für eine noch präsentere Erinnerung.

Einmal, als ich im Auto auf dem Heimweg war, lief das Lied im Radio, und ich habe, fahrlässig wie ich nun mal bin, den Audiorekorder meines Handies betätigt, um es aufzuzeichnen und Niki zu schicken, die gerade beim Abendessen saß.

4.) Die Toten Hosen – Tage wie diese

Hierzu gibt es zwei Erinnerungen, eine Schöne und eine völlig Durchgeknallte, und die beiden Erinnerungen haben interessanterweise überhaupt nichts miteinander zu tun.

Die Erste ist Lisas Hochzeit, wo ein Elvis- Imitator dieses Lied gesungen hat und ich Rotz und Wasser geplärrt hab vor lauter Schön.

Und die Zweite betrifft das Donauinselfest im Sommer 2015 (keine Gewähr auf Richtigkeit des Jahres – könnte auch 2014 gewesen sein).

Wie jeden Donauinselfest- Sonntag grundelten wir vor der SJ- Bühne herum, weil da den ganzen Nachmittag Metal am Programm stand, bis mein langjähriger Kumpel Mike und ich zu späterer Stunde die Idee hatten, noch ein bisschen weiterzuziehen und die anderen Bühnen abzuklappern. Ich glaube, mich zu erinnern, dass unser eigentliches Ziel die Schlagerbühne war, wo wir uns in weinseliger Stimmung immer so ein bisschen am schunkelnden Publikum delektierten. Zwei Kumpels begleiteten uns, wir waren allesamt nicht mehr ganz nüchtern und befanden uns in frappierend naiver Unkenntnis dessen, was uns in Kürze noch erwarten sollte.

Als wir genug herumgeblödelt hatten, entdeckte ich ein Tagada – jenes sich in schüttelnd-kreisenden Bewegungen auf- und abbewegende Gefährt zur kurzweiligen Erheiterung von Kindern und Jugendlichen, und ich war recht schnell Feuer und Flamme dafür, da eine oder mehrere Fahrten mit dem Tagada für Lisa und mich jeden Oktober unseres bisherigen Lebens den Höhepunkt des Schörflinger Kirtags bildeten.

Es bedurfte eines gewissen Maßes an Überzeugungsarbeit, meine Begleiter zu einer Fahrt zu überreden, aber schon bald darauf hatten wir unser Geld zusammengekratzt, Fahrchips gelöst und befanden uns mitten im fragwürdigen Hin und Her und Auf und Ab und Kreuz und Quer des Fahrgeschäfts, was ein Heidenspaß war, weil wir uns wie die Oberchecker hinstellen, umfielen und uns wie Ertrinkende aneinander festklammerten, bis uns vor lauter Lachen die Puste ausging.

Ich glaube, jeder kennt so Momente, in denen einfach alles zusammenpasst: der Pegel, das Wetter, die Leute und die Tätigkeit. Und in so einem Moment fand ich mich, während ich an Mikes Bein hing, der seinerseits zeternd am Haltegriff hing, während M. bleichgesichtig an mir vorbeirollte und D. schon unter einem Haufen anderer Leute begraben war, und „Tage wie dieser“ aus den Boxen des Fahrgeschäfts dröhnte.

Klingt scheiss kitschig, ich weiß. Ist auch sonst nicht meine Art. Aber solche Momentaufnahmen sind zu selten, um sie in Vergessenheit geraten zu lassen.

3.) Kanui& Lula – Oua Oua

Erinnert ihr euch noch, vor sicher 15 Jahren, an die „Maxx“-Werbung mit dem Typen und der Taube? Nicht? Youtube schafft Abhilfe.

Dieses Lied ist eines der zuverlässigsten Gute- Laune-Lieder und mit ein Lieblingslied von meinem Vater, dem Leo. Letztes Jahr haben wirs sogar zu Weihnachten gespielt 🙂

2.) Journey – Don’t stop believing

Zu diesem Lied gibt es mehrere signifikante Erinnerungen, allerdings immer mit demselben Rudel.

Dieser Freundeskreis, abseits des Graff, setzt sich aus den unterschiedlichsten Persönlichkeiten zusammen, die aber eines gemeinsam haben: dem vollkommen selbstvergessenen Mitbrüllen zu dem Besten, das die Achtziger zu bieten haben, und das kommt auf so ziemlich jeder größeren Zusammenkunft vor.

Die beste Geschichte im Zusammenhang mit diesem Lied ist allerdings Silvester 2016, auf der Hausparty meines besten Freundes Panzer, der in Deutsch- Wagram haust.

An diesem Abend lief eine Art Achtziger- Wunschnacht auf Radio 88,6, wo wir mehr als einmal anriefen, um unsere trunkenen Musikwünsche kundzutun, einmal sogar durchkamen und live „on air“ waren (falls jemand zufällig an Silvester Radio gehört hat, wir waren die Grillfeier aus Deutsch- Wagram), als wir uns „Neverending story“ von Limahl wünschten. Der Wunsch kam von mir, und mir fällt beim besten Willen nicht mehr ein, wieso ich von allen zur Disposition stehenden Liedern auf dem Erdenrund ausgerechnet dieses ausgewählt habe, aber sie haben es gespielt und es war lustig.

Zu späterer Stunde, aber immer noch irgendwann vor Mitternacht, standen wir im verschneiten Garten und plauderten, als uns auffiel, dass Panzer sich schon geraume Zeit nicht mehr hatte blicken lassen. Just in dem Moment kam M. aus dem Haus und verkündete mit Grabesmiene, dass das Erdgeschoss unter Wasser stehe und wir jetzt erst mal aufwischen müssten.

Einleitend muss man dazusagen, dass die Leitungen in dem Haus himmelalt waren, und Panzer schon untertags bemerkt hat, dass es das Abwasser im Abfluss der Dusche raufdrückt, wenn man die Klospülung betätigt, aber was kannst denn an Silevster groß machen, außer das untere Klo für Sperrgebiet zu erklären, die Mädels im Obergeschoss aufs Klo gehen zu lassen und die Burschen zu bitten, ausserhalb des Grundstücks ins Gebüsch zu pinkeln?

Offenbar hatte sich während unseres Aussenaufenthalts die Lage verschlimmert, und das Abwasser hatte sich auch ohne Zutun der unteren Klospülung seinen Weg in die Dusche und damit durchs Bad ins Vorhaus und die Küche gebahnt, weshalb der Panzer die letzte Stunde schon mit Fluchen und Wischen beschäftigt war, bis M. uns ins Bild gesetzt hatte.

Wir packten also einen Haufen Bierdosen und den Baustellenradio ein und begaben uns aufs feuchte Schlachtfeld.

Meine Freundin Chucky sagt gern, dass Firmen sonst einen Haufen Geld für „Teambuilding- Activities“ raushauen, was wir völlig umsonst hatten, denn im Nu waren die Kompetenzen verteilt und rund zehn Leute, barfuss und auf Socken, wischten das Pipiwasser im Erdgeschoss auf und anschließend nochmal trocken hinterher, während auf 88,6 die Rocknacht lief und wir uns die Stimmung auch nicht von Pipiwasser verderben ließen. Als wir schon recht fertig waren und sich die ersten wieder auf die Terasse verfügten, damit es im Inneren des Gebäudes nicht zu Menschenstau kam, schallten aus dem Radio die ersten Takte von Journey, was unser rationales Denken außer Kraft und den Mitbrüll-Modus aktivierte.

Mit nassen Füßen hingen wir einander im Kreis in den Armen und hüpften und brüllten, dass wir von der Ferne wie eine Integrationsgruppe von der Lebenshilfe ausgesehen haben müssen.

1.) Sam&Dave – Soul Man

Diese Erinnerung ist mein Platz 1, da sie die Kostbarste ist und mitunter eines der frühesten Dinge, an die ich mich überhaupt erinnern kann.

Wie manch einer weiß, ist mein Bruder Gernot 15 Jahre älter als ich, was dazu geführt hat, dass wir eigentlich nicht miteinander aufgewachsen sind. Als ich drei war, ist er zum Bundesheer gegangen und hat anschließend in Leoben Erdölgeologie studiert. Ich habe mich immer gefreut, wenn er zuhause war, auch wenn es wahrscheinlich nicht zu den innigsten Passionen eines Zwanzigjährigen gehört, sich mit seiner kleinen Schwester zu beschäftigen, aber er hat das immer getan.

Ich weiß noch, dass er immer sehr laut Musik gehört hat, wenn er zusammengepackt hat. Da bin ich manchmal in sein Zimmer gekommen und er hat vor sich hingesungen und -getanzt. In seinem Zimmer war so ein Läufer in bunten Farben, der nicht fix montiert war und auf dem man super herumrutschen konnte, was er zu meiner großen Erheiterung auch oft getan hat und was ich zum Leidwesen unserer Mutter auch bald gelernt habe.

Jedenfalls brachte er mir zu „Soul Man “ das „Grooven“ bei. Ich hoffe, ich kann es einigermaßen anschaulich beschreiben: als „grooven“ bezeichneten wir die Bewegungsabfolge, die entsteht, wenn man sich die linke Hand aufs linke Knie legt, die rechte Hand aufs rechte Knie, die Knie anschließend zusammenführt, die Hände übereinanderschiebt, sodass die linke Hand am rechten Knie liegt und die rechte Hand am linken Knie, und anschließend die Knie wieder auseinanderdrückt. Das Ganze natürlich in schneller Abfolge.

Ich glaube, da war ich fünf oder sechs, als ich dann schon wusste, was kommt, wenn der Gernot gefragt hat: „Kannst du grooven?“

 

Das ist meine persönliche Hitliste an Allroundern, und ich bin froh, sie mal verschriftlicht zu haben. Dazu habe ich die entsprechenden Lieder gehört, gegrinst und mich daran erfreut. Möget auch ihr euch weiterhin an meinen literarischen Ergüssen erfreuen!

 

 

 

 

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Die höchst tragikomische Narretey mit der Lauge im Teekessel.

handZum Gruße, lesendes Volk!

Wer sich schon gefragt hat, wo ich wohl bleibe: ich bin quasi eh immer da. Und bevor ich jetzt in Versuchung gerate, mit gedreschflegelten Binsenweisheiten á la „Gut Ding braucht Weile“ um mich zu schmeißen: ich schreibe, wenn es meine kärglich bemessene Freizeit erlaubt. Born to read – forced to work (ist immer noch besser als „Gut Ding SchasimWald“, oder?)

Des Weiteren wird es hier nicht soweit kommen, dass ich wahllos irgendwelchen Kehricht poste, um euch bei Laune und mich bei der Stange zu halten. Das machen schon die, die einen Haufen Geld mit Beautyproduktrezensionen und hanebüchenen Lifestyletipps verdienen. Dieser Blog lebt immerhin von kurzweiligen Ankedoten und nicht von wissenschaftlichen Abhandlungen über die durchschnittliche Lebenserwartung von Seidenraupen oder die hinterfragbare Durchführbarkeit des Vorgangs des Haarebleichens mit Toilettenreiniger.

Und heute ist es mal wieder soweit, einem Dienstplan sei Dank, der diesen schönen freien Abend für mich vorsieht. Das Tagwerk ist getan, ich habe keinen lästigen, sozialen Verpflichtungen mehr zu folgen, ergo kann ich euch in Ruhe und Frieden die Geschichte erzählen, wie ich mir dereinst im Hotel die Hände mit Natronlauge veräzt habe.

Im Hotel hatten wir am Frühstücksbuffett, das bekanntermaßen tagtäglich von brüllenden, wildgewordenen Gästehorden, die nachdrücklich ihre erkaufte Urlaubsentspannung bei uns einforderten, molestiert wurde, einen Teekessel. Für die Briten, die Araber und die ganzen Bobos und Bobomütter, die zum Zwecke des inneren Friedens oder der entspannten Darmreinigung oder schlichtweg zur Erfüllung des Daseinszwecks unserer neun Designer- Teesorten besagtes Heißgetränk dem Kaffee vorzogen (der zu diesem Zeitpunkt aus einer schon bis auf die blutenden Eingeweide geschundenen Kaffeemaschine kam). Um die „Teestation“ gemäß ihrem Anschaffungswert kompetent betreuen zu können, zwang man das Personal in eine Teeschulung, wo wir den Vorgang des Schlürfens neu erlernten und den Unterschied zwischen „Tee“ und „Aufguss“ und „Teegetränk“ und „Schmeckt nach feuchten Kindergartenpatschen“. Nicht dass uns jemals irgendwer nach unserem angehäuften Wissen gefragt hätte – ich gestehe dieser Schulung jedoch gerne zu, dass sie durchaus wissenswert im Bezug auf Füllmenge von losem Tee in Teesiebe und die damit verbundene Ziehzeit war – spätestens, nachdem eine Kollegin einem Gast einen Grüntee servierte, der aus reiner Unwissenheit im Endeffekt aus drei Esslöffeln (!) losen Teeblättern im Teesieb bestand, entschieden zu lange gezogen hatte und wir es eigentlich nur einer glücklichen Fügung zu verdanken hatten, dass besagter Gast nicht kreiselartig rotierend und nach Luft japsend durch den Eingangsbereich gejappelt ist.

Wie gesagt, das wummernde Herz der Teestation bildete ein großer, bauchiger, silberfarbener Teekessel, mit in etwa fünf Litern Fassungsvermögen, der zu Beginn des Frühstücks aufgedreht wurde und den Gast mit Heißwasser versorgte, bis wir ihn wieder abdrehten.

Aber der Teekessel war ein kapriziöses Arschloch. Divenhaft wie Mariah Carey auf Welttournee und in seinem gesamten Dasein ungefähr so nützlich wie Felix Baumgartner für das Ansehen des Sports: gar nicht. Er funktionierte nämlich nur ein paar Tage, und das auch nur, nachdem wir ihn zuvor mühselig entkalkt hatten.

Das Entkalken war immer ein sehr zeitintensives Unterfangen: dazu musste er natürlich vollständig abgekühlt sein, um dann erst mit Entkalker und anschließend mit Lauge unter zigfachem Wiederholen des Vorgangs gereinigt zu werden.

Das war eine Tätigkeit, die der Frühdienst gerne an den Spätservice übertrug, was zeitmäßig auch wiederum eher naheliegend war: wenn man den Kessel um zwölf mit der Lauge füllte, konnte der baummordende Chemie-Homunkulus bis sechs einwirken, und dann musste man ihn wirklich nur mehr sorgfältig auswaschen.

Was mir noch recht lebhaft in Erinnerung geblieben ist, ist der Faktor, dass ich zwar an diesem Tag Frühdienst hatte, aber zeitiger nach Hause geschickt wurde, weil es sich schon abgezeichnet hat, dass der Kollege, der den Spätdienst gehabt hätte, „krank“ war. Bei uns war man gerne „krank“. Kopfweh- krank. Gestern rauschig gewesen- krank. Der Hund von der Nachbarin meiner Mutter hat seine Tage- krank. Ich habe meine Anabolika überdosiert und jetzt irgendwie die Scheisserei- krank.

Und da das auch wirklich jedes Mal funktioniert hat, weil man ja von oben nichts zu befürchten hatte, weil sie ja sowieso nie genug Leute hatten, gab es ein paar Kameradenschweine, die das gerne ausgereizt haben.

Jedenfalls hatte ich an diesem Tag also doch Spätdienst, und wie ich abends so auf meinem geschundenen Gaul namens Arbeitseifer in die Bude einritt, fand ich zu meiner persönlichen Erbauung, neben einer scheiss sinnlosen Liste von 3485839204 anderen „Aufgaben“ und der Barbetreuung, den Teekessel vor, an dem eine Serviette mit meinem Namen darauf klebte. Das hieß soviel wie „Putz das“.

Im Hotel selbst war es zu dem Zeitpunkt eher ruhig – ich meine, mich daran zu erinnern, dass es Sommer war, da ist am Abend im Hotel selbst nie wirklich was los, weil alle draussen picken, in den Heurigen und Schanigärten und Parks, weil ihnen das pulsierende Leben der Stadt, in die sie freiwillig gekommen sind, dann doch zuviel wird.

An der Rezeption saß Kollege R. seine Zeit ab. So gerne ich seinen Nachnamen zum Zwecke der allgemeinen Heiterkeit hier ausschreiben würde, geht das leider nicht. ABER sein Name lautet exakt wie der Zustand, der einen ereilt, wenn man zu viel gesoffen hat 🙂 Interessanterweise befleißigte er sich sporadisch gewissen entkleideten Turnübungen mit einer Dame, die als Nachname den Namen einer beliebten Wiener Suppeneinlage trug (oder vielmehr trägt, ich denke mal nicht, dass die SO alt war, dass sie der Herr bereits abberufen hat)

Jedenfalls hatte Kollege R. nicht wirklich was zu tun, weshalb er alle drei Minuten rauchen ging oder mich zuverlässig bei der Arbeit interruptierte.

Da ich nach erster eingehender Betrachtung des ungefähr bis zur Hälfte gefüllten Teekessels festgestellt hatte, dass die Lauge bereits pflichtschuldigst die letzten Kalkreste von den Innenseiten des Teekessels fraß, schickte ich mich also an, hurtig zu enteilen, um die Gummihandschuhe und die Putzbürste zu holen, die sich im Hochsicherheitsschutzkasten befanden; ich hab den Schaß ja nicht zum ersten Mal machen müssen. Der Hochsicherheitsschutzkasten war ein Plastikkasten an der Wand, mit Warnhinweisen bepickt wie der Koffer eines Kosmopoliten, in dem sich eine Schutzbrille, Handschuhe und unsere „Gefahrenstoffe“ befanden. Safety first.

Nur leider übersah ich in meiner Eile das Stromkabel, das vom Boden des Teekessels bis auf den Boden der Küche baumelte und sich mit dem Stecker teilweise in der chromglänzenden Schiebetür unseres Kastls verspießt hatte. Ich realisierte gerade noch so, dass ich mich während der Durchführung meines Schritts mit dem Fuß in das Kabel eingefädelt hatte und drehte mich reflexartig um, während der Teekessel durch meinen mitreißenden Schwung dem Rand der Arbeitsplatte schon bedrohlich nahgekommen war und jetzt zu Kippen begann.

Vorab: ich hatte zu diesem Zeitpunkt sehr wohl kurz im Kopf, dass ich den Kessel aufgrund seines hoch ätzenden Inhalts einfach hätte fallenlassen sollen. Ihm wäre gewiss nichts passiert, und die Lauge hätte man nachher auch noch aufwischen können. Aber da kommen einem dann die ansonsten lebenserhaltenden Reflexe ins Spiel.

Während ich noch damit beschäftigt bin, zu überreißen, dass da gerade der TEEKESSEL mit der UNVERDÜNNTEN LAUGE DRIN umkippt, hatte ich schon hingegriffen, nur leider in jeglicher Hinsicht zu spät: er war zwar nicht ganz hinunter-, aber trotzdem umgefallen, und ich hatte ihn mit der rechten Hand gerade noch so an der großen Öffnung oben erwischt. Was zur Folge hatte, dass mir ein Teil der Suppe direkt über die Hand lief. Ein paar Spritzer trafen meine schwarze Hose am Oberschenkel, die sich sofort in weiße Flecken verwandelten.

Ich stellte den Teekessel also wieder hin, bevor ich bemerkte, dass es sich anfühlte, als würden ganz viele kleine Stecknadeln auf meinen Handrücken pieksen. Dann lief das Notgehirn an, das mich zumindest huldvoll wissen ließ, ich möge doch bitte diesmal NICHT den Reflexen folgen und kaltes Wasser darüberrinnen lassen. Staunend beäugte ich meine Hand, die inzwischen knallrot war und zu beträchtlicher Größe anschwoll, sodass bald die Knöchel nicht mehr wirklich sichtbar waren.

Nun, wie beschreibt man das am Besten: es war kein richtiger Schmerz. Es war vielmehr unangenehm und unansehnlich, und es nervte irgendwie, aber es tat nicht richtig weh. Ich beschloss also, eine zweite Meinung einzuholen, bevor ich selber herumwischte, und begab mich zur Rezeption, um den Kollegen R. um Rat zu fragen, der im Backoffice saß und Solitär am Chefcomputer spielte.

„Heast, R. Schau mal bitte.“

Kollege R. war ein netter Mensch, und viele sagen auch, dass er ein schöner Mensch war. Die Damenwelt war immer ganz hingerissen von ihm. Aber Kollege R. war auch ein ziemliches Weichei. Als wir im Keller mal einen Rohrbruch hatten, und zwar der Art, dass das Abwasser vom Küchengeschirrspüler durch die Wand rauskam, quiekte er wie eine Jungfrau beim Anblick eines erigierten Phallus und weigerte sich, zu Tode erbleicht und sich die Nase zuhaltend, den Keller zu betreten.

Und jetzt fielen ihm auch fast die Augen aus dem Kopf.

Nach eingehender Befragung und Betrachtung kam er schließlich zu dem Schluss, dass er jetzt auch irgendwie keine Idee hatte, was wir machen sollten, weil wir wirklich nicht wussten, wie man Lauge von einem menschlichen Körperteil entfernt.

Wenn jetzt erste Stimmen laut werden, wieso ich nicht gleich ins Krankenhaus gefahren bin: fahrts ihr wegen jedem Schas, der euch quer sitzt, ins KH?! Ich bin kein Freund von unnützer Krankenhausbelagerung, wenn man gewisse Dinge auch selbst erledigen oder auf die Öffnungszeiten seines Hausarztes warten kann. Und ich kann Leute nicht leiden, die wegen eines Niesers ihres Balgs den Ärzten ihre Zeit und den Notfällen ihre Plätze stehlen (ebenso wenig, wie ich es vertretbar finde, ein Kind, das sich am Spielplatz den halben Schädel weggehauen hat und blutet wie angeschossen, Globuli zu geben und es ins Bett zu schicken. Aber da käme ich jetzt vom Hundertsten ins Tausendste).

Da wir wie gesagt keine Ahnung hatten, was man bei oberflächlichen Verätzungen macht, fing der R. zu googeln an, während ich auf einem Schreibtischsessel quer durchs Backoffice fuhr und auf Resultate meines „behandelnden Arztes“ wartete. Er kam dann schließlich auf die glorreiche Idee, die Vergiftungshotline anzurufen, denn immerhin ist Verätzen sowas Ähnliches wie Vergiften, und die würden sich schon auskennen. Er wählte also und schaltete auf Lautsprecher.

Nette Telefondame: „Vergiftungszentrale, guten Abend?“

„Ja, Grüß Gott, da spricht R. Also, wir haben gewissermaßen ein akutes Problem und hätten dazu eine Frage…“

Nette Telefondame, engagiert: „Ja, und zwar?“

„Also, meine Kollegin hat sich vor etwa zehn Minuten unverdünnte Natronlauge über die Hand geschüttet und das ist jetzt angeschwollen, schaut aus, als würde es demnächst platzen, und pocht.“

Schweigen.

„Hallo?“

Nette Telefondame, verwirrt:“ Natronlauge.“

„Jawohl.“

Nette Telefondame: „Über die Hand.“

„Genau. Und da wir jetzt wirklich nicht wissen, wie wir hier weiter verfahren sollen, also abwaschen oder nicht, haben wir uns gedacht, wir fragen am Besten Sie.“

Nette Telefondame, alarmiert:“ Aber ich bin die Vergiftungshotline!“

„Ja eh! Aber das ist doch eine Art Vergiftung!“

Schweigen.

„HALLO?!“

Nette Telefondame, mit einem Anflug von Ratlosigkeit in der Stimme:“Wie heisst den das Präparat?“

Ich stehe auf, gehe in die Küche und hole die gesamte Flasche.

„XY“

Nette Telefondame: „Aha. Ja also…“

Wir schauen uns inzwischen mit einer Mischung aus Amusement und Entgeisterung an.

Ratlose Telefondame: „Naja, also abwaschen sollten Sie das mal nicht. Das verschmiert nur.“

Anna, ungehalten und deutlich hörbar: „NO SHIT, SHERLOCK?!“

R., der Profi: „Okay, das haben wir verstanden. Soll sie ins Krankenhaus fahren?“

Telefondame, sinniert: „Ich denke schon. Sie werden das kaum alleine abbekommen, und die sollen sich das gleich anschauen. Also, die Verletzung.“

R. und Anna schauen konsterniert das Telefon an, bis R. sich ein übertriebenes: „Vielen Dank, Sie haben uns wirklich ungemein geholfen!“ abringt, auflegt und mich mindestens so schlau wie vorher anschaut.

„Du hast sie gehört. Fahr ins KH.“

Während ich noch damit beschäftigt bin, das Für und Wieder abzuwägen, weil das jetzt zur Folge hätte, dass ich meine ohnehin überarbeitete Chefin anrufen müsste, um ihr den Sachverhalt zu schildern, damit sie jemanden findet, der für mich einspringt, was nicht der Fall sein wird, was wiederum zur Folge hat, dass sie selbst herkommt und somit Tag-Nacht-Tag-Dienst machen muss, schiebt mich R. schon zur Tür. Ihm ist anzusehen, dass ihm der unmittelbare Anblick meine Mutantenhand nicht wirklich behagt.

In dem Wissen, dass er sich in meiner Abwesenheit um die Bar kümmert und ich mich melde, sobald ich irgendwas weiß, zum Beispiel, wie lang der Schmarrn dauernd wird und ob ich wiederkomme, um meinen Dienst fertig zu machen, setze ich mich in ein Taxi und fahre ins AKH.

Dort angekommen, verweist man mich von der „Unfall“ auf die „Notfall“, und da ich gegenwärtig des Schreibens nicht mächtig bin, gebe ich meine Aussage mündlich zu Protokoll, wo die Dame hinter der Scheibe ungefähr genau so dreinschaut, wie ich mir den Blick von der Telefondame vorgestellt habe. Ratlos.

Ich gebe dem R. Bescheid, dass ich es nicht mehr zum Dienst schaffen werde, und er setzt zum zweiten Mal an diesem Tag eine Art „Rettungskette“ in Gang. Hier bei mir telefoniert nach kurzer Beratung einen Dermatologen herbei, und dann geht es auch schon recht fix, bis mich eine äußerst junge Ärztin bittet, ihr gegenüber auf der Liege Platz zu nehmen und ihr meine Beschwerden zu schildern, worin ich inzwischen Übung habe, da ich es zum dritten Mal in Folge in ungefähr demselben Wortlaut wiedergebe (es sollte auch nicht das letzte Mal an dem Tag sein; ich musste diese wundersame Geschichte in dieser Nacht noch zwei Mal erzählen).

Inzwischen fühle ich mich auf skurrile Art und Weise fast ein bisschen erleichtert, dass ich nicht so dumm bin, wie ich mich seit Stunden fühle, sondern dass offenbar wirklich NIEMAND so recht weiß, was man mit Verätzungen am Besten macht. Die junge Ärztin greift nämlich jetzt zum Telefon und ruft jemanden an, den sie um Rat bittet. Hoffentlich nicht die Vergiftungshotline.

Der Hand geht es unverändert. Es sticht nicht mehr, aber an manchen Stellen ist die Haut inzwischen aufgeplatzt und blutig- krustig, was das Ganze eher nach Verbrennung aussehen lässt.

Da ich nur mit halbem Ohr zuhöre, bekomme ich nicht so recht mit, dass die Dame zufrieden auflegt, entschwindet und kurz darauf mit einer Art Behältnis wiederkommt, das aussieht wie ein unterdimensioniertes Schwimmbecken mit einer gläsernen Brücke darüber. Darin wabbelt eine götterspeisenartige Substanz. Sie fordert mich auf, die Hand darin zu versenken, ich komme dem nach und fühle zufrieden, wie das Pochen nachlässt und es angenehm kühl wird. Nach ca. zehn Minuten patscht sie mir Cortison auf die Pranke, wickelt sie in ca. zwei Kilometer Bandage ein und entlässt mich in meinen auf zweifelhaftem Wege verdienten Feierabend.

Im Übrigen hat die Chefin tatsächlich doch noch einen Kellner gefunden, der die Spätschicht übernommen hat, ich bin am nächsten Morgen zwar gehandicapt, aber dennoch zum Dienst erschienen und musste fortan NIE WIEDER den scheiss Teekessel putzen. Und wenn er für wen anderen zum Putzen in der Küche stand, pickte immer ein riesiger Zettel drauf, auf dem Stand: „ANNA! NICHT ANGREIFEN!“

Dafür sind die Verätzungen, die da aufgeplatzt sind, vernarbt und bis heute auf meinem rechten Handrücken zu bewundern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es ist alles eine Frage der richtigen Interpretation.

almdudler

 

Für Roman.

Diese Anekdote ist wohl eine Premiere – insofern, dass sich ihr Inhalt in den letzten 72 Stunden ereignet hat.

Wie mancher vielleicht weiss, höre ich gelegentlich ein bissl schlecht. Und damit meine ich nicht das absichtliche Dein-impertinentes-Geschwätz-interessiert-mich-nicht-Schlecht-hören, sondern das Ich-hab-dich-jetzt-schon-zum-dritten-Mal-nicht-verstanden-und-trau-mich-jetzt-nimmer-nachfragen-Defizit. Das hat schon öfter zu erheiternden Missverständnissen geführt, unter anderem, weil sich einmal eine richtige Diskussion um die inhaltliche Qualität eines Liedes entsponnen hat, in deren Verlauf ich meinen Kumpel E. der Abscheu eines wirklichen Klassikers bezichtigt habe, weil ich statt „Pfadi-Lied“ „fades Lied“ verstanden habe. Die meisten wissen aber, wenn ich einen Schlachtbankgesichtsausdruck bekomme und so ein Wackeldackel-Nicken, dass ich eigentlich eh nix gehört hab (und ja, ich sage manchmal „HA?“ statt „Bitte was?“ oder „Pardon“, wenn mir die gute Erziehung abhanden kommt. Meistens ist es da aber schon zwei Uhr früh und die Musik ohrenbetäubend laut. Ein Freund hat mich dreimal mit derselben Frage angesprochen, und beim dritten Mal „HA?“ hat er entnervt gebrüllt „OB SIE TOMATEN AUF DEN OHREN HAT?!“)

Wie auch immer – um MEIN akustisches Defizit gehts diesmal ausnahmsweise nicht, sondern um das meines besten Freundes.

Wir haben ein ziemliches „schware Partie“- Wochenende hinter uns, was ich an dieser Stelle aus diversen Gründen nicht näher ausführen kann und werde, nur so weit, dass es mit Saurem Apfel, Walt Disney und der Steiermark zu tun hatte und wir aufgrund seiner Tätigkeit als Schlagwerker einer Wiener Metallkapelle einen recht straffen Zeitplan einzuhalten hatten.

Nach einer recht gnadenlosen Ölung zur Feier des fünfundzwanzigsten Wurftags unseres lieben Freundes L. sind wir also mehr oder weniger bleibefußt am Samstag zurück in die Landeshauptstadt gerudert, und zwar leidend und sterbend wie es sich gehört, die geränderten Augen hinter Sonnenbrillen verborgen, meist schweigend, ausser irgendjemand hat gestöhnt und der andere hat zurückgestöhnt.

Jedenfalls musste R. irgendwann dem Ruf der Natur folgen, weshalb wir eine Raststation angeflogen und uns an selbiger eingeparkt haben.

Offenbar waren meine von König der Löwen- Liedern noch übermäßig strapazierten Stimmbänder noch nicht vollständig wiederhergestellt, weshalb ich in darob gedrosselter Lautstärke um das Mitbringen einer Flasche kalten Almdudlers bat, dem ich es zum gegenwärtigen Zeitpunkt als einziges Getränk zutraute, meine Leiden zu verringern.

R. hat nur genickt und ist mehr oder minder zielstrebig von dannen gewankt, während ich im mittagstemperaturbedingt heissen Auto und mit dem Kopf an die Scheibe gelehnt für die Sünden aus dem gegenwärtigen Leben UND den zwanzig Leben davor gebüßt habe.

Irgendwann, gefühlte dreieinhalb Tage später, kommt R., strahlend ob der Befreiung seiner peristaltischen Last mit einem Sackerl wieder, und drückt mir einen Eistee der Marke Arizona in die Hand, nebst einem dubiosen Angry Birds- Kindersaft mit Nuckelflaschenverschluss.

An dieser Stelle darf angemerkt werden, dass R. ca. 1,80 groß ist, langhaarig, grimmig, schwarzmetallisch und selten unnötig freundlich. Und dieser Berserker in Menschengestalt hält mir also an einem meiner biologischen Tiefpunkte dieses noch jungen Jahres vergleichsweise strahlend ein Saftflascherl hin und sagt ganz stolz: „Schau, da ist sogar ein Hologrammpickerl dabei!“

Die Tatsache, dass in dem Sackerl kein Almdudler war, ist mir zwar irgendwie doch aufgefallen, allerdings war das in seiner Priorität nicht dermaßen ausschlaggebend, als dass ich es für notwendig befunden hätte, selbiges anzusprechen. Ich schütte also den Eistee in mich rein, bin glücklich, dass etwas Kaltes, aber vor allem Alkoholfreies meinen ausgedörrten Altweiberrachen benetzt und beschließe für mich, dass er sich zwischen „Almdudler“ und „Arizona“ wahrscheinlich einfach verhört hat.

Obwohl wir recht zeitgerecht bei ihm zuhause aufgeschlagen sind und eine kalte Dusche unsere Lebensgeister wieder zurück in unsere malträtierten Körper gescheucht hat, waren wir dann doch ein bissl knapp dran, was wiederum dazu geführt hat, dass wir den gebratenen Lachs, den R. uns dankenswerterweise noch kredenzen wollte, wie verwilderte Tiere direkt aus der Pfanne gegessen haben, zwischen Tür und Angel quasi, und wir alsbaldigst wieder im Auto Richtung Proberaum saßen, wo es galt, Verstärker einzuladen und die restlichen Kapellengenossen zu treffen.

Wie wir dann schlussendlich – immer noch leidend, aber bei Weitem nicht mehr so unmittelbar verendend – beim Proberaum angekommen sind, kündigt R. an, dass er sich bei der Tankstelle noch was zu trinken holt. Alle bestellen Bier, außer mir natürlich, sonst könnt ich mich gleich mit dem Schädel auf die Bimschienen legen und auf ein schöneres Wetter warten. Ich bestelle also ALMDUDLER, weil es mich immer noch darauf gustert und mein Vertrauen in die heilende Wirkung des kohlensäurehaltigen Alpenkräutergetränks nach wie vor ungebrochen ist. Und diesmal in Form eines vollständigen und akustisch eindeutig vernehmbaren Satzes: „Kannst du mir bitte einen Almdudler mitbringen?“ R. nickt und zieht von dannen … um ca. zehn Minuten später mit einer Flasche Arizona- Eistee wiederzukommen, die er mir zufrieden in die Hand drückt.

Ich schaue die Flasche an.

Ich schaue ihn an.

Ich schaue wieder die Flasche an und frage mich ernsthaft, ob es an mir liegt.

„Du?“

„Hm?“

„Red ich heute irgendwie undeutlich?“

„Net wirklich, warum?“

„Hast du was gegen Almdudler?“

„Was redest du?!“

„I bin ma fast sicher, dass ich vorher grad zum zweiten Mal heute an Almdudler haben wollt und du mir jetzt zum zweiten Mal voller Überzeugung schweigend an Arizona- Eistee in die Hand drückst.“

„ECHT?! Du wolltest an Almdudler? Wann wolltest du an Almdudler?“

„Naja einmal auf der Raststätte und einmal vor zehn Minuten“

„Auf der Tankstelle hab ich dringend müssen und jetzt hab ichs wirklich nicht gehört.“

„Ok dann merk ich mir für die Zukunft dassd nix mehr hörst wennst aufn Lokus musst, vielleicht sag i das nächste Mal dass ich gern a Snickers hätt und du bringst ma die ganze Kassa, a Sackerl Gummibärli und an Bierdeckel mit!“

Also…Spass hatten wir auf jeden Fall.

Meinen Almdudler hab ich an diesem Tag zwar nicht mehr bekommen, dafür zwei Flaschen Eistee und den krönenden Abschluss eines desaströs- genialen Wochenendes unter wirklich guten Freunden.

Parkplatzprobleme.

Was jetzt folgt, ist ein zutiefst menschlicher Bericht, und ich schäme mich keineswegs, zuzugeben, dass das Einparken eines Vehikels in ungeübtem Zustand nicht ganz so einfach war, wie es jetzt ist. Richtig, in der folgenden Anekdote geht es um mein Auto- den Hallux- und mich.

Zum damaligen Zeitpunkt, ich schätze, dass es wohl 2014 war, hatte ich den Hallux noch nicht mal zwei Monate. Ergänzend muss angemerkt werden, dass ich meine Lenkerberechtigung im Jahre 2006 in Oberösterreich erworben habe und von diesem Zeitpunkt an kein anderes Auto gefahren habe als das meiner Eltern, und auch das wie gesagt nur zuhause in Oberösterreich, wo generell alles anders ist. Wahrlich gegraust hat mir vor der Vorstellung, irgendwann einmal am Gürtel oder auf der Tangente fahren zu müssen, alles über zwei Spuren war der blanke Wahnsinn und ich hatte großen Respekt vor allen Leuten, die in Wien Auto fahren, weil ich mir das einfach nicht vorstellen konnte und vor allem nicht vorstellen musste- ich hatte ja eigentlich nicht vor, mir ein Auto anzuschaffen.

Als selbiger Umstand aus diversen Gründen dann doch eintrat, und ich den Hallux mein Eigen nennen durfte, verbrachte ich die ersten paar Ausfahrten schweißgebadet, schreiend und fluchend und den Boden küssend, wenn ich wieder heil ausstieg – nichtsdestotrotz würde ich den Hallux jetzt, zwei Jahre später, nie wieder hergeben. Der „Hallux“ ist ein roter Opel Astra GTC, also mehr unnötig lang als hoch und keine Hintertüren.

Ich habe damals im 9. Bezirk gewohnt, und in dem ganzen verfluchten Bezirk herrschte generell notorische Parkplatzknappheit, sogar ausserhalb meiner Parallel- Einpark- Hemmschwelle. „Lern wos, daun host wos zum Vagessn“, hat der Leo immer gesagt, als ich noch in der Schule war. So sehr mir das auf den Zuz gegangen ist, so sehr hab ich mich jetzt daran erinnert, weil irgendwann kannst du nicht mehr 38 Minuten durch dieselben Gassen fahren, in der Hoffnung, dass irgendwann ein Schrägparker frei wird, obwohl nur ein einziger Parkplatz frei ist, und zwar parallel zum Gehsteig, neben einem Lokal.

Ich habe also an diesem Tag beschlossen, den Rat vom Leo endlich in die Tat umzusetzen und mir freiwillig praktisches Wissen in Sachen „Parallel einparken“ anzueignen, tief durchgeatmet und mich ans Einparken gemacht.

Was jetzt kommt, kann ich aus Gründen der Schande abkürzen, es sei denn, ihr wollt hören, dass ich elf Mal vor-und zurückgeschoben habe:

Ich habe es auch beim zwölften Versuch nicht geschafft, den Hallux zufriedenstellend in dieser Parklücke zu platzieren, während ich Blut und Wasser geschwitzt habe. Ich wollte prinzipiell nach dem vierten Versuch aufhören, habe mich aber dann selbst geschimpft, dass man nicht immer gleich aufgeben kann, wenn etwas nicht gleich beim ersten Mal funktioniert, und dass ich es irgendwann einmal lernen muss.

Also habe ich tapfer weiter vor und zurückgeschoben, vor und zurück, vor und zurück, mit hochrotem Kopf, bis es zaghaft an mein Beifahrerfenster klopft.

Draussen steht ein ganz normaler junger Bursch, ungefähr in meinem Alter und deutet mir, das Fenster runterzulassen. So huldvoll wie möglich, mit erhobenem Haupt und hektisch aus der verschwitzten Stirn gewischten Haarsträhne lasse ich das Fenster einen einbruchssicheren Minispalt hinunter.

Er: „Ähm, brauchst du Hilfe?“

Ich, entschlossen: „Nein, danke. Ich schaff das schon.“

Er: „Das…sieht irgendwie nicht so aus.“

Ich schweige, und komme drauf dass er Recht hat. Und komme weiters drauf, dass das wahrscheinlich eine der peinlichsten Situationen ist, in der ich mich jemals in nüchternem Zustand befunden habe. UND komme drauf, dass ich das scheiss Auto da wirklich nicht alleine einparken kann UND, dass man auch mal Hilfe annehmen muss.

Er:“ Soll ich dir vielleicht dein Auto einparken?“

Ich: „… Ja, ich glaube das wäre vielleicht gut.“, steige aus und umrunde das Auto, als mein gemartertes Hirn wieder mal auf Notstromaggregat schaltet und die Weiterleitung sämtlicher logischer oder angebrachter Handlungsweisen unterbindet. Er umrundet das Auto seinerseits, als ich auf der Beifahrerseite stehe und mich in die ohnehin schon unangenehme Stille hineinsagen höre:

„Aber bitte nicht stehlen.“

Er schaut mich an, wie halt ein Mensch schaut, der gerade des wohl dümmsten Autodiebstahlversuchs des gesamten Planeten bezichtigt wird. Und er schaut mit einem Blick, der mir zu verstehen gibt, dass die offenbar wohl gestörteste Frau von Wien gerade das Wort an ihn gerichtet hat. Ich habe wirklich nicht mehr alle Latten am Zaun.

Er zeigt stumm auf die Fensterscheibe des Lokals und sagt ohne den Funken einer Gefühlsregung in der Stimme und wie zur Erklärung der Schöpfungsgeschichte:

„Meine Mama sitzt da drinnen.“

Ich schaue zur Fensterscheibe, hinter der eine dickliche kleine Frau steht und fröhlich winkt. Ich hebe die Hand, grinse mit zuckenden Mundwinkeln und verspüre das starke Bedürfnis, die paar Meter zur Straßenbahn zu gehen, mich mit vor der Brust verschränkten Armen auf die Schienen zu legen und auf mein ereignisloses Ableben zu warten.

Jedenfalls steigt der Typ jetzt ein, und weil ich seit geraumer Zeit ohnehin nicht mehr weiss, was ich hier tue, steige ich auch ein. Zum Einparken meines Autos durch einen fremden Kerl auf meinen eigenen Beifahrersitz.

Und er parkt den Hallux beim ersten Mal auf den Punkt genau ein, und ich fühle mich inzwischen nicht nur sozial inkompetent, sondern auch indiskutabelst unfähig zum Leben.

Der Typ zieht bilderbuchmäßig die Handbremse an, stellt den Motor ab und gibt mir schweigend den Schlüssel. Ich nehme ihn ebenfalls schweigend entgegen und steige aus.

Wie bedankt man sich gebührend bei jemandem, der einem nicht nur gerade das Auto eingeparkt, sondern gleichzeitig den Glauben an die Menschheit in Wien zumindest partiell wiederhergestellt hat?

„He, danke. Echt.“

„Keine Ursache. Ich geh dann mal wieder rein“, während er wieder auf die Fensterscheibe zeigt, wo immer noch seine Mama winkt und sicher und mit Fug und Recht total stolz auf ihren Sohn ist. Und er geht, und ich stehe blöd vor meinem Auto und fühle mich immer noch wie ein gescheitertes Experiment.

Immerhin funktionieren meine Beine wieder, und ich raffe den auf dem Gehsteig liegenden, spärlichen Rest meiner Würde eilig zusammen und trage ihn nach einem kurzen Räuspern erhobenen Hauptes von dannen.

…Ich bin aber nicht der Konjunktiv, also ist von meiner Würde mittlerweile wirklich nicht mehr so viel übrig 🙂

 

 

 

 

Ichthyologische Machtkämpfe.

Prolog:

Veganern, militanten Tierschützern und sonstigen zart besaiteten Ophelien von geringerer geistiger Widerstandskraft wird von der Rezeption des folgenden Berichts dringend abgeraten, denn er handelt vom wenig honorigen Ableben diverser, der Spezies der pisces zugehöriger Mitlebewesen, das leider nicht verhindert werden konnte, aber in seiner Tragikomik unübertroffen ist.

 

Nachdem ich euch gewarnt habe, weil man das offenbar von mir erwartet, bevor ich die Würde anderer Lebewesen durch den Kakao ziehe, kann ich ja endlich anfangen.

 

Als ich noch im Hotel gearbeitet habe, gab es dort in der Lobby, gegenüber von der Rezeption, ein recht großes Aquarium, das wohl ausschließlich dem gegen Ende schon sehr zweifelhaften Amusement der Kinder dienlich war, denn Erwachsene haben es kaum zur Kenntnis genommen.

Irgendwann sind wir, die inzwischen mehrfach leidgeprüfte, augenberingte und sich nicht mehr wirklich auf dem Zenit ihrer psychischen Fähigkeiten befindliche Servicemannschaft dazu übergegangen, zu glauben, dass es sich bei unseren Zierfischen um unsere Totemtiere handeln müsse, denn je weiter wir körperlich und vor allem geistig abbauten, umso brachialer ging es in unserem Aquarium zu, aber dazu gleich mehr.

Bewohnt wurde das Aquarium also von diversen, farbigen Zierfischen, denen wir auch irgendwann Namen gaben, um sie anschließend sofort wieder zu vergessen, weshalb sie dann nur noch zumindest farblich unterschieden wurden, um sie in ihrer Fischwürde nicht komplett zu untergraben: „Der Große“, „die zwei Gelben“, „die zwei Blauen“ und „Werner“ (Werner  hat seinen Namen erst bekommen, als uns irgendwann aufgefallen war, dass er nur mehr ein Auge hatte – eine eher zweifelhafte Hommage an unseren inzwischen pensionierten Küchenchef [siehe auch: „Die gestohlene Krokette“]). Dann gab es noch diverse kleinere Fische und zwei Putzerfische, Schnecken und was weiss ich – ein zu Beginn halt ganz normales Aquarium.

Ich glaube im Nachhinein, dass sich zumindest irgendjemand mit ein wenig Fischpsychologie hätte befassen sollen, denn dann wären vielleicht manche Dinge nicht so passiert, wie sie eben passiert sind; unser Front Office Manager hat nämlich ab und an Fische entweder dazugekauft oder aus seinem Privataquarium von zuhause mitgebracht, weil wir in unserer gänzlichen Unbedarftheit dachten, unter Zierfischen würden wohl kaum Rangkämpfe ausbrechen oder Fischmobbing praktiziert werden.

Wir haben also das Aquarium vorschriftsmäßig gereinigt, die Fische gefüttert und ihnen mehr als einmal beim Herumschwimmen zugeschaut – auch wenn sich mir nach wie vor die ungesunde Faszination mancher Fischliebhaber für Aquarien nicht ganz erschliessen mag.

Irgendwann, es war Hochsommer 2012, bemerkten wir mehr oder weniger nebenbei, wie unser den Fischen sehr zugetanener FO- Manager besorgt kritisch das Aquarium beäugte und konstatierte, dass der Große die Kleineren aus welchem Grund auch immer dauernd jagen würde. Er schnappe nach ihnen und sie würden sich fürchten, und wir sollen sie uns doch anschauen, und wirklich: der grosse Fisch, fortan nur mehr „der Arsch“ genannt, zischte hinter den Kleineren her und sie schossen gestresst von einer Ecke in die andere und versteckten sich hinter diversen Gewächsen. Wieso das nach zumindest einem Jahr des friedlichen Zusammenlebens plötzlich der Fall war, wussten wir alle nicht, jedenfalls fiel alsbaldigst der Entschluss, dass der Rowdy umziehen müsse, bevor ein anderer Fisch einen Herzinfarkt kriegt. FO beschloss also, den Arsch bei sich zuhause singulär einzuquartieren, als sich die Lage anscheinend wieder ein bisschen beruhigte.

Dies war aber nur von kurzer Dauer, denn einige Tage später wurden M., meine zwischenmenschlich eher spröde Lieblingskollegin, und ich beim Frühstück folgendes Dialogs gewahr:

Kind: „MAMAAAA?“

Mutter: „Ja?“

Kind: „Wieso hat der Fisch da keinen Kopf mehr?“

Woraufhin M. alles fallen lässt und unter den entgeisterten Blicken der Mutter hurtig in Richtung Aquarium enteilt. Ich folge ihr auf dem Fuße, und tatsächlich: Halb verborgen von Gewächs, wiegt sacht eine offensichtlich kopflose Fischleiche in den Fluten.

„Madre mia.“ M. öffnet den Deckel, schiebt sich den Ärmel bis zur Schulter rauf und will mit bloßem Arm in das Aquarium greifen, während ich sie mit vor Erregung bebender Stimme darum ersuche, die die Handlung begleitenden Umstände doch bitte erst zu Ende zu denken, nämlich dass sie mit dem toten Fisch in der Hand dann den kompletten Frühstücksbereich durchqueren muss, um ihn zumindest einigermaßen fachgerecht bestatten/entsorgen zu können. M. sieht mich halb amüsiert, halb verständnislos an:

„Hab ich gedacht, hau ma ihn in Lichthof, fressen ihn eh gleich die Vögel!“

Während ich noch mit mühevoll gedrosselter Stimme damit beschäftigt bin, M. um ihre Auffassung ungarisch-kroatischen Verständnisses von „Totenruhe“ und „Nächstenliebe“ zu bringen, kommen die nächsten Gäste, ein älteres Ehepaar, um sich an der Schönheit unseres Aquariums zu erfreuen:

„Mei, san die liiiieb!“

M., immer noch mit hinaufgeschobenem Ärmel, schaut mit unverhohlener Abneigung die beiden Herrschaften an und sagt kalt wie ein Eisblock:

„Nimma lang.“

Währenddessen habe ich, meiner Mimik inzwischen nur noch unter Aufbietung äußerster Willenskraft mächtig, den Kescher aus dem Backoffice geholt, dazu einen leeren Salatkübel und murmele Entschuldigendes, während ich M. in derselben Bewegung den Ärmel runterziehe und den Kescher in die Hand drücke.

Das Ehepaar verlässt uns mehr als irritiert in Richtung Frühstücksbereich, und M. waltet ihres Amtes als Totengräberin, kescht die kopflose Leiche endlich raus und verschwindet damit Richtung Toilette.

Nachdem die nächsten stressigen vier Stunden bewältigt sind, erscheint der FO in der Küche und weist uns indigniert darauf hin, dass das Wasser im Aquarium einen ungesunden Farbton aufweist – und ehe man sichs versieht, befinden wir uns in einem weiteren schönen Streit über Zuständigkeit und Sinnhaftigkeit des Unterfangens, das offenbar von der Fischleiche kontaminierte Wasser auszutauschen und wer jetzt überhaupt an dem ganzen Dilemma schuld war. Zumindest die Schuldfrage lies sich in Ermangelung anderer Verdächtiger eher schnell klären: der Arsch musste dem Kleinen den Kopf abgebissen und ihn verspeist haben. Das Thema schlitterte zu Kannibalismus unter Fischen und dem Aggressionspotential des Arsches mit der Conclusio, dass ein Umzug und somit räumliche Trennung der Parteien unumgänglich wäre.

Den Nachmittag haben wir dann zu fünft lachend und prustend abwechselnd damit verbracht, Wasser mit einem Schlauch oral anzusaugen, eifrig darum bemüht, die Leichensuppe nicht in unsere Münder zu bekommen, um es anschließend in einen großen Häfen zu leiten. Irgendwann war auch das erledigt, und wir wähnten uns in Sicherheit, während unserer Hausdame quasi im Weggehen noch auffiel, dass ein Fisch nur mehr ein Auge hatte. „Werner“ wurde auf Anraten eines telefonisch konsultierten Tierarztes in einen Salatkübel in mit einem Medikament versetzten Wasser auf dem Schreibtisch des FO unter Quarantäne gestellt. Um es vorwegzunehmen: auch Werner hat es, wie unschwer zu erwarten war, nicht mehr lange gemacht. Entweder dahingerafft von Depressionen ob seiner Einäugigkeit oder separiert von seinen Artgenossen, kam ihm der Lebenswille abhanden und so fand auch er seine letzte Ruhestätte in den endlosen Weiten der Wiener Kanalisation.

Angespornt von der drastisch schwindenden Fischpopulation in unserem Aquarium, hat der fischliebende FO also zuhause ein eigenes Aquarium für den Arsch präpariert, das gewissermaßen Bewährungshilfe und Einzelhaft zugleich darstellen sollte.

Just an dem Tag, als der Arsch übersiedeln sollte, wurde der nächste Fisch von seinem Gott abberufen, und erste Rufe des Pöbels wurden laut, man möge den Arsch doch bitte endlich zur Verantwortung ziehen. Da man das aber nicht machen kann (eine euphemistische Umschreibung für: da man das aber wahrscheinlich aus ethischen Gründen nicht machen soll), wurde der Arsch wie besprochen in Einzelhaft genommen, in der Hoffnung, die Lage würde sich jetzt für alle, Fische wie für Menschen, wieder ein bisschen entspannen, und tatsächlich hatte es zuerst den Anschein, als würden die verbliebenen Fischlein- ein Gelber, ein Blauer und die Kleineren- ihres Usurpators beraubt, endlich ein friedliches Fischdasein fristen.

Offenbar wollten die blöden Viecher aber keinen Frieden, sondern fingen bald darauf an, gegenseitig aufeinander loszugehen, wohl um die Rangfolge neu auszufechten, woraufhin es uns allen zu blöd wurde, wir die Fische einzeln an diverse Mitarbeiter verschenkten und das Aquarium aufließen.

Ob sie wieder eines angeschafft haben, weiss ich nicht, aber „Werner“ und die anderen bleiben mir wahrscheinlich auch deshalb in Erinnerung, weil uns die Wirren um ihre Behausung als Team zumindest temporär zusammengeschweißt haben, und wer weiss, vielleicht war das auch nur der Sinn der Sache, dass wir uns einmal nicht Tag für Tag die Marillen einhauen.

Und NEIN, diverse ichthyologische Ratschläge, wie man es hätte machen sollen, dürft ihr euch gern für schlechte Zeiten dort aufheben, wo es warm und finster ist. Vielen Dank.

 

 

Für T.F.

„Always.“

 

 

 

 

Da stinkts nach Kadaver.

Nachdem mich der Dezember aus beruflichen Gründen komplett ausser Kraft gesetzt hat – wenn ich nicht gerade im Geschäft war, bin ich des Nächtens zuhause schreiend auf allen Vieren im Kreis gekrochen und habe als hysterische Verdrängungshandlung Tetrapackwein getrunken- starte ich hier das neue Jahr JETZT, nachdem die Menschheit wahrscheinlich schon wieder von ihrer Vorsatztrunkenheit ausgenüchtert ist und sich wieder normal und nicht wie „Heuer wird alles anders!“-Bullshitbingokandidaten und Ratgebergefolge benimmt, das Anfang Jänner der Lebenshilfeliteratur nachpilgert wie die Sünder dem Jesus, nur um herauszufinden, dass es vielleicht selbst dran schuld gewesen sein könnte, dass das Vorjahr scheisse war. Sehr schön.

Jedenfalls ist mir die Tage, als ich mit dem Hallux und ein paar Mann Besatzung durch das winterliche Österreich gepflügt bin, die Sache mit dem Gestank im Pajero wieder eingefallen, die vor allem meinem Vater einiges Kopfzerbrechen bereitet hat.

Das ist jetzt wirklich schon sehr lange her, ich glaube ich war zwölf oder dreizehn, und es war … Winter. Und damit meine ich nicht den Oh-Gott-es-schneit-drei-Flocken-sagt-meiner-Frau-dass-ich-sie-liebe-Winter, sondern komplettes Sibirisch-Oberösterreich mit – 22 Grad Celsius und Schneewehen in Autohöhe. Damals haben wir noch in einem Kuhdorf gewohnt, zu dem es nur eine Zufahrt gab. Die Straße zu uns wurde zwar von Schneestecken markiert, die ab einer gewissen Schneehöhe aber eigentlich nur mehr vage Hinweise waren, wo sich die Straße eventuell einmal befunden haben KÖNNTE. Der Schneepflug, den ein gerüchtehalber dem Wein nicht abgeneigter Gemeindemitarbeiter fuhr, wuchtete die Schneemassen zwei Mal pro Tag in Schlangenlinien recht  willkürlich nach links und rechts und oben und unten. Jedenfalls waren wir gewissermaßen eingeschneit, und Mutterns Auto hielt schon lange seinen Winterschlaf in der Garage.

Mein Vater besaß zu diesem Zeitpunkt allerdings einen durchaus witterungstauglichen Mitsubishi Pajero, der tapfer draussen stand und auch der klirrendsten Kälte trotzte (vor allem, weil mein Vater ihn liebevoll mit ausrangierten Teppichen zugedeckt und ihn jeden Morgen heiss geduscht hat). Jedenfalls war der Pajero in diesem Winter das Fahrzeug unserer Wahl. Das einzige Manko, das wir feststellen mussten, war, dass er sich nur relativ langsam im Innenraum erwärmt hat.

Irgendwann hat mein Vater mich in der Früh zum Bahnhof gefahren – wir sind als Schüler immer mit dem Zug in die Schule nach Vöcklabruck gepilgert. Und irgendwann fange ich an, durch die Heizung die feine Nuance eines irritierenden Geruchs wahrzunehmen, der mein empfindliches Jungmädelnäschen gekitzelt hat. Ich habe die ersten paar Mal, als ich das gerochen habe, nichts gesagt, weil ich mir noch gedacht habe, ich würde mir das nur einbilden.

Nach einer guten Woche des schweigenden Ertragens habe ich aber meinen Vater relativ konsterniert und ohne Umschweife darauf hingewiesen, dass das scheiss Auto nach Kadaver stinkt.

„Papa, da fäuts.“

„Geh, da fäut doch nix. Es is Winter.“

„Da fäuts noch Kadaver.“

„Geh, du fäust ah noch Kadaver. I riach nix.“

Mein Vater, dem bewusst war, dass er ein recht verhaltenskreatives Kind sein Eigen nennen darf/muss, hat mich gemäß dieses Wissens nicht ernst genommen – bis es ihm selber aufgefallen ist, dass es in diesem Auto riecht, als hätte sich darin einer hamdraht und würde nun vor sich hinsafteln.

Eines Abends hat der grübelnde Leo nach der Arbeit angefangen, den Pajero wortwörtlich auf den Kopf zu stellen. Hinten, drinnen, unten. Als er vorne ankam, wurde ihm nicht nur klar, dass das Kind mit seiner Kadaver-Suderei tatsächlich Recht hatte, sondern auch, wodurch der inzwischen extrem belästigende Eau de mort verursacht wurde:

Offensichtlich hatte sich ein Ratz, und zwar ein Mordskaliber, im Motorraum vom Pajero häuslich eingerichtet – komplett mit einem Vorrat an entwendetem Brot zum Überwintern. Da waren Randstückeln drin und Toastscheiben ohne Ende. Blöderweise ist der Ratz offensichtlich im Glauben, sein Winterquartier wäre sicher, Opfer fahrlässiger Unvernunft geworden: wir glauben ja, den hats da drinnen gegrillt. ODER er hat in ein Kabel gebissen, oder ihn hat der Schlag getroffen oder oder oder, jedenfalls war der Ratz hinüber und seine Seele ist zu seinem Gott aufgefahren. Die sterbliche Hülle ist aber noch in der Motorhaube vom Pajero gelegen, wo das ständige Heiss-Kalt-Heiss-Kalt dem Ratz schön langsam die verbliebenen Körpersäfte aus allen Poren getrieben hat. Und da wir natürlich nicht sofort nachgeschaut haben, was da so stinkt, sondern erst ca. zwei Wochen später, hatte der Lauf der Natur bereits bemerkenswerte Spuren hinterlassen und den Motorblock eingesuppt.

Das hat den Leo nachhaltig verstört, der natürlich die Leiche und ihre Speisekammer geborgen und am Misthaufen zur diesmal endgültigen letzten Ruhe gebettet hat. Seither schnüffeln wir bei der ersten Fahrt in jedem Auto, obs eventuell nach Tod riecht.

 

 

Der Meilenstein.

Heute erzähle ich zur Abwechslung einmal keine Geschichte, sondern ich erdreiste mich, Werbung zu machen.

Ich kenne inzwischen viele fähige Musiker, Künstler und handwerklich Begabte, die ihre juvenilen Träume auf die eine oder andere Art in der einen oder anderen Form verwirklicht haben – und dass die Gehhilfe meiner Form von Verwirklichung etwas mit Literatur zu tun hat, wird wohl inzwischen jedem klar sein (oder spätestens, seit ich aufgehört habe, in einer Band zu spielen, war es ohnehin klar).

Ich habe vor drei Jahren über einen im Nachhinein betrachtet fast endlos scheinenden Zeitraum an meinem ersten literarischen Meilenstein gearbeitet – meine Abschlussarbeit an der Uni. Und hatte gleichzeitig einen Kumpel vor Augen, der an seiner Doktorarbeit schrieb, einen Haufen Unikolleginnen, die schon lange mit ihren hochwissenschaftlichen Traktaten fertig waren und irgendwie umgeben von Leuten, die alles schneller, schöner, besser und wissenschaftlicher machten als ich. Das war ungefähr so das Gefühl, das ich während meiner gesamten Unizeit hatte: Alle lesen Musil, Kant und den „Falter“ und tippen auf Netbooks in Anbetracht ihrer zukünftigen Position als intellektuelle Elite des Landes. Ich lese Rebhandl und Austrofred in Anbetracht meiner zukünftigen Position in der Arbeiterschicht, musste meinen gebrauchten Laptop in Raten zahlen und habe noch nie ein scheiss „Standard“- Gratisabo abgeschlossen, weil ich mich eh nicht so weit selber anlügen kann, dass ich die Zeitung tatsächlich jeden Tag auf meinem Teppich ausbreiten und aktiv lesen, sondern lediglich dazu benutzen würde, den Hamsterkäfig damit auszulegen oder meine nassen Stiefel damit auszustopfen.

Ich habe sie gehasst, die perlenohrringtragenden, bleistiftkauenden Girlies, die „Studentin“ als Berufsangabe verwenden und in einer von Papi finanzierten Wohnung in einem hippen Bezirk residieren und sich absichtlich den Kanon der Weltliteratur ins Billy- Regal räumen, für den Fall, dass sie einmal einen Aufriss von einem Semesteropening mitbringen und der Ansicht sind, um drei Uhr früh noch angetschechert brillieren zu müssen.

„Aber Anna, es sind doch nicht alle gleich! Aber Anna, du kannst doch nicht alle über einen Kamm scheren!“- Wer sich diesen oder einen ähnlich lautenden Stiefel anziehen will, kann es gerne tun, ihr wisst nämlich, was ihr mich könnt.

Verdorben hat mich in dieser Hinsicht eine Fehlbelegung im ersten Semester, wo ich ein Proseminar belegt hatte, ohne zu wissen, was das eigentlich ist. Und da waren lauter Höhersemestrige drin, bei deren Referaten mir das kalte Grauen gekommen ist. Thesen! Thesen müssen es sein! Unsereins hat mit dem Handy unter dem Tisch gegoogelt, was eine These ist, und mir war jeden Mittwoch Abend kotzübel, wenn diese Lehrveranstaltung angestanden hat, weil ich mich ums Verrecken nicht mit Leuten in einen Raum setzen wollte, die alles verkörperten, was mich so rasend gemacht hat. Die offensichtlich immer alles sofort verstanden haben und nie nachfragen mussten. Und ich war der Bauer vom Dorf, der in Anbetracht seiner Dummheit hier gerade am System Uni zu scheitern drohte.

Aber aufgeben tut man einen Brief (mein Gott, ist der ausgelutscht). Ich habe mich also so durchgewunden, wurde älter und ein bisschen umsichtiger, und als es auf das Ende zuging, habe ich mir das einzige Thema gesucht, über das ich mich damals in der Lage zu schreiben gesehen habe; über ungemütliche historische Zusammenhänge und in literaturwissenschaftlicher Hinsicht bedeutsame Persönlichkeiten schreiben schon andere.

Weil ich die meisten Studenten nach wie vor nicht mochte, habe ich mir damals selbst zum Ziel gesetzt, etwas zu verfassen, das es auch jemanden zu lesen freut, der noch nie auf einer Uni war, und zugleich wissenschaftlich genug zu arbeiten, dass es als meine Abschlussarbeit anerkannt werden würde. Ich wollte nichts schreiben, das kein Mensch lesen kann, weil es vor Fachvokabular und Großgekotze nur so strotzt. Das wäre nicht ich gewesen, und auch wenn es hier um meine akademische Abschlussarbeit ging, wollte ich mich nicht so weit verbiegen, um bestenfalls einen Haufen Unigockel zu beeindrucken, die auch nur mit Wasser kochen und leise furzen, wenn niemand hinhört.

Im Endeffekt habe ich mein Thema schnell gefunden. Obwohl mich viele literarische Aspekte interessieren, wären beispielsweise historische Werke im Zusammenhang mit ihrer Entstehungszeit nichts für mich gewesen. Ich wollte mich nicht auf ein Terrain wagen, auf dem es schon zig Werke gibt, und auf dem schon andere Leute mit mehr Hirn und Ernsthaftigkeit wirklich gute Sachen geschrieben haben (Hallo, Kalti). Da KONNTE ich nur abstinken. Also habe ich mich an das gesetzt, was mir während des Studiums wirklich immer Freude gemacht hat: ein riesengroßer Vergleich.

Und mein vorgeschlagenes Thema wurde tatsächlich angenommen, obwohl ich einen Aspekt etwas erweitern musste, damit man es als wissenschaftlich betrachten kann. Obwohl das Werk circa eine Woche vor Abgabe nochmal ordentlich unter Beschuss stand und ich es nachbürsten musste wie einen Königspudel bei der Hundeschau, wurde im Endeffekt eine ordentliche, den Anforderungen der Uni genügende Diplomarbeit daraus.

Langsam sollte ich vielleicht einmal erklären, worüber ich geschrieben habe, was angeblich so gar nicht wissenschaftlich ist:

Günter Brödl, mein persönlicher Held. Die Meisten kennen Dr. Kurt Ostbahn, die wenigstens seinen geistigen Vater, und noch weniger Leute kennen seine Kriminalromane aus der Achtzigern. Diese Krimis sind das, was ich als Meisterwerk im Rahmen meiner gesteckten Erwartungen an ein Buch bezeichne: bodenständig, spannend, mit ordentlich Wiener Lokalkolorit und der Haltung, sich einfach rein gar nichts zu scheissen, und zwar in der Form, wie man sie prima auf sein eigenes Leben adaptieren kann. In Kombination mit Ostbahn- Kurti und der Chefpartie als Hintergrundmusik habe ich mehr als einmal einen Zustand erreicht, den ich guten Gewissens als „umfassend zufrieden“ bezeichnen kann. Der Ostbahn-Kurti hat mich trotz meiner jungen Jahre schon in Oberösterreich begleitet, weil er musikalisch immer gerade irgendwas parat hatte, das zu meiner Stimmung gepasst hat.

Ich habe inzwischen viele Erinnerungen ähnlicher Wirkungsweise tätowiert: Findus die Katze, den Invincible- Stern aus Super Mario, das „A“ aus dem „A-Team“- Schriftzug und so weiter.

Aber Günter Brödl und Kurt Ostbahn wollte ich in Liebe und Dankbarkeit meine erste richtige literarische Arbeit widmen, und das habe ich getan.

Ich habe also meinen Lieblingskrimi, „Blutrausch“, zur eingehenden Analyse herangezogen, und mit einem neueren Autor verglichen, den ich mehr oder minder durch Zufall entdeckt habe, der ähnlich rotzig schreibt und keinen Detektiv, sondern zu meiner großen Freude einen versoffenen Antihelden als Protagonisten hat: Ken Bruens „Jack Taylor“. Hier befinden wir uns nicht in Österreich, sondern in Irland, und dieses Werk hat mehr Bezug zu der Zeit, in der sich die Handlung abspielt.

Den Kern dieser Arbeit bildet der Vergleich meiner Protagonisten, die keine richtigen Ermittler sind, sich in Werken befinden, die trotzdem die Kriterien eines Kriminalromans erfüllen und sich mit Problemen herumplagen, die zum Teil hausgemacht, zum Teil gesellschaftlich evoziert sind.

Es ist unschwer zu übersehen, dass dies keine Werke sind, die dem Kanon der Weltliteratur entstammen, weil sie von überragend metaphorischer Ausdrucksweise oder gar so vielschichtig sind, dass jede Lasagne dagegen vor Neid erblassen würde.

Es sind stinknormale Krimis, über die ich geschrieben habe; solche Krimis, die man wahrscheinlich mittlerweile auf Wühltischen und in Ramschkisten findet und die objektiv gesehen nichts an sich haben, das ihnen einen Platz im kollektiven Gedächtnis des literarischen Weltgeschehens sichern würde. Wenn sie vergriffen sind, wird sich niemand an sie erinnern, die Verfilmungen sind für den Normalverbraucher nichts Besonderes.

Aber für einen Menschen haben sie eine Bedeutung, und speziell im Falle von Kurt Ostbahn und Günter Brödl habe ich meinen Teil dazu beigetragen, dass die Erinnerung vielleicht noch ein bisschen länger lebt. Und wahrscheinlich, weil ich mich selber häufig wie ein Wühltischposten gefühlt habe.

 

Wieso ich euch das alles überhaupt erzähle? Weil die Arbeit heute als Buch erschienen ist:

grantbuch

Mein Meilenstein hat also den Weg in einen Verlag gefunden, weil davor und danach nie wieder etwas über die beiden Bücher geschrieben wurde. Es ist also eine Art Unikat. Ich hatte damals auch das große Glück, durch sehr freundliche Menschen mit Willi Resetarits reden zu können, und Harry Rowohlt, der Übersetzer von Bruen, hat mir einen auf Schreibmaschine getippten Brief mit der Post geschickt, der heute noch an meiner Pinnwand hängt. Ich habe an der Arbeit rein gar nichts verändert, weil sonst wäre ich vom Hundertsten ins Tausendste gekommen und im Endeffekt wäre da wieder etwas völlig anderes gestanden, und das wollte ich vermeiden.

Und wer sich nicht sicher ist, ob er eine „wissenschaftliche Arbeit“ wirklich lesen mag: Ihr kennt inzwischen meine Texte. Diese Arbeit ist beinahe keinen Deut anders, zumindest in den Passagen, in denen ich frei von der Leber weg schreiben konnte.

Wen es interessieren könnte: Freunde von Kurt Ostbahn und seiner persönlichen Geschichte, Freunde von Kriminalromanen, an der wirtschaftlichen Geschichte Irlands Interessierte, an irischen Krimis Interessierte, an der Unterstützung kleiner Literaten Interessierte.

Wen es jetzt tatsächlich interessiert, kann mir gerne Bescheid geben, wenn er ein Exemplar haben möchte. Man kann es aber auch bei Morawa bestellen, bei Thalia (würde ich allerdings nicht machen, die haben beim Preis ordentlich was draufgeschlagen), auf Amazon, bei der Buchhandlung Neudorfer in Vöcklabruck, überall, wo man Bücher bestellen kann. Es hat eine ISBN, was bedeutet, dass es sich im Verzeichnis lieferbarer Bücher befindet. Die Publikation hat mich wenig gekostet, dennoch freue ich mich über jedes verkaufte Exemplar, da es für mich eine Unterstützung auf meinem literarischen Weg bedeutet. Wer also gerne den „local Underground supportet“, wie es sich so viele großmütig auf ihre vor allem musikalischen Fahnen schreiben, hat hier die Möglichkeit, den literarischen Untergrund zu fördern. Denkt einfach mal darüber nach, wenn ihr das nächste Mal ein Shirt oder eine CD einer unbekannten Band kauft.

Dies ist mein erstes in Buchform erschienenes Werk, und so der Literaturgott will, wird es nicht das Letzte sein.

Mit irgendetwas muss man doch anfangen, nicht?

Ach, und hier noch die Auflösung des „Schas im Wald“- Fotoalbums, wers gesehen hat:

Mein Komplize Roman und ich haben im Wald Fotos gemacht, weil ich einerseits ein ordentliches Autorenfoto brauchte (und der Fotograf meiner Wahl leider indisponiert war), und andererseits ein Bild wollte, das dem Inhalt entspricht. Wir hatten also diverse Stichwaffen dabei und in Ermangelung ordentlicher Fotoausrüstung zwei Tablets, zwei Handies, Zeitdruck und einen Haufen Ideen.

Das hier ist das eigentliche Ergebnis der Wald- Tour:

panzer1

Und hierfür was das andere Foto:

bio

 

Als letzter Punkt in der Tagesordnung ergeht an dieser Stelle Dank an meine einzigen Mitwisser während der Arbeit an diesem Buch, die Förderer, Bachblütentropfeneinflößer und Arschtrittgeber in einem waren: M. und R.

 

 

Der eingetauschte Klositz

Gestern Abend, als wir in gemütlicher Runde zusammengesessen sind und eigentlich über etwas völlig anderes geredet haben, ist mir diese Geschichte wieder eingefallen, und das ist definitiv eine der…

Quelle: Der eingetauschte Klositz

Der eingetauschte Klositz

Gestern Abend, als wir in gemütlicher Runde zusammengesessen sind und eigentlich über etwas völlig anderes geredet haben, ist mir diese Geschichte wieder eingefallen, und das ist definitiv eine der Neueren. Ereignet hat sie sich im Jänner oder Februar diesen Jahres, und dem Ganzen zugrunde liegt ein Umzug.

Als ich nach Wien gezogen bin, habe ich erst für zwei Semester in einem Studentenwohnheim gewohnt, bevor ich in die Wohnung meines Bruders gezogen bin, der nach Bangkok gegangen ist.

Im Endeffekt habe ich aus dieser Kleinfamilienwohnung dann eine WG in diversen Konstellationen gemacht, bevor wir Ende 2015 beschlossen haben, dass es nun endlich an der Zeit wäre, eigene Wege zu gehen und uns von unserer Mietwohnung in der Seegasse im 9. Wiener Gemeindebezirk zu trennen.

Gesagt, getan: Mein Bruder hat Ende 2015 die Wohnung gekündigt, und mit der Bestätigung seiner Kündigung kam eine Checkliste, was alles noch zu tun sei, bevor man die Wohnung besenrein an den Vermieter rückerstattet und damit seine Kaution wieder bekommt.

Jedenfalls stand neben diversen Reinigungs- und Ausbesserungsarbeiten auf dieser Liste auch ein Punkt, der sich für uns als eine bis dato nicht als solche wahrgenommene Hürde darstellen sollte:

„Ein weißer Toilettensitz ist zwingend erforderlich.“

So. Jetzt hatten wir aber keinen weissen Klositz. Es hatte zwar einmal einen weissen Klositz gegeben, der befand sich zu diesem Zeitpunkt aber schon ca. ein ganzes Jahr auf irgendeiner Mülldeponie, da er einen Sprung am Sitzbrett hatte und man sich darob dauernd den Arsch eingezwickt hat. Nach konstantem Wehklagen ob dieser unschönen Tatsache hat mir ein damals netter Mensch einen Klositz geschenkt, Marke „Das Billigste das zu finden war“. Und das war halt ein hellblau- weisser Sitz mit einem einträchtig zusammengekuschelten Pinguin-Pärchen in Lebensgröße auf dem Deckel. Uns war es ja recht wurscht, es ging nur darum, die Mindestanforderung des persönlichen Stuhlgangluxus zu erfüllen, und da ist ein Klositz leider unumgänglich, wenn man nicht mit dem Hinterteil im Inneren des Throns landen will (das hatten wir auch schon. Kinder, spart nie beim Klositz!)

Jedenfalls hatten wir halt den Pinguinklositz und er hat auch gute und vor allem stabile Dienste während seiner einjährigen Schicht am Donnerbalken geleistet, und jetzt auf einmal erfüllte er nicht einmal mehr die Anforderung der Hausverwaltung.

Zugegebenermaßen spielten wir mit dem Gedanken, den Sitz einfach zu belassen, da wir auch sämtliche Lampenschirme an den Decken lassen mussten, da mein Bruder sie offenbar mit einer Mischung aus Superkleber und Baustellenbolzen in guerillamäßiger Heimwerkerarbeit an die Decke getackert hat und sie für Menschen ohne elektrische Grundkenntnisse nur unter Lebensgefahr zu entfernen gewesen wären. Wir haben aber dann beschlossen, das Meiste aus der Kaution rauszuholen, was ging – dennoch sahen wir mit unseren kapitalistischen Kleinhirnen nicht wirklich ein, wieso wir jetzt € 20,- für einen weissen Klositz ausgeben sollten, in dessen Genuss wir ohnehin nicht mehr kommen würden. Nachdem auch sämtliche meiner Freunde keinen weissen Klositz hatten- und ich in meiner neuen Wohnung auch nicht- kam mir schlussendlich eine letzte Idee.

Auf Facebook gibt es eine Gruppe, die sich „share&care“ nennt. Sinn dieser Plattform ist es, nicht mehr benötigte Gegenstände kostenfrei und gegen Abholung loszuwerden beziehungsweise nach etwas zu suchen, das vielleicht jemand anderes rumstehen hat und einem gratis abtreten würde. Nachdem ich über einen längeren Zeitraum schon mehrere Erfahrungen mit Verschenkbarem und Geschenktem gemacht hatte – unter anderem mit jemandem, der ca. 15 Minuten, nachdem ich es gepostet hatte, mit einem Kleintransporter ankam und freudestahlend die Innereien des Badezimmers mitgenommen hat- habe ich mir gedacht, ich könnte doch auf s&c nach einem weissen Klostiz suchen (wenn das jetzt schon jemand für lustig hält: schaut euch die Gruppe selber an. Menschen verschenken im wahrsten Sinne des Wortes Müll und irgendeinen gibt es IMMER, der „ICH BITTE“ schreit. Wobei, mit „bitte“ haben dies dort echt nicht so).

Es gibt jedoch mehrere Regeln auf s&c : Es muss alles völlig kostenlos sein – keine Annahme von Geld, Dienstleistungen aller Art o.Ä. dürfen da besprochen werden. UND: Es darf nichts getauscht werden. Diesen vermaledeiten Scheissdreck hebe ich hier besonders hervor, weil der noch wichtig wird.

Ich umreisse in meinem Post also kurz das Checklistenproblem und formuliere im Zuge dessen mein höfliches Gesuch nach einem weissen Toilettensitz.

Gesuche bei dieser Brüllaffenhorde laufen in 99,9% aller Fälle folgendermaßen ab:

Person A: Ich suche XY, bitte.

10 Personen wollen wissen, wieso das Gesuchte gesucht wird, 8 Personen wissen es ohnehin besser, wieso das Gesuchte eigentlich scheisse ist, 4 Personen diskriminieren Person A wegen ihrer Formlosigkeit, 5 Personen posten irgendwas, das mit dem Gesuch nichts zu tun hat, 13 Personen schildern unaufgefordert ihre Erfahrungen mit dem Gesuchten und 2 sind Veganer und müssen es mitteilen. Haben tut es aber natürlich keiner.

Diesem Schema folgend kamen auch schon die Klugscheisser aus ihren Löchern gekrochen: ich solle doch die Hausverwaltung fragen, wieso die das fordern, das kann doch nicht sein, mimimi, das kann man nicht verlangen, mimimi.

Ich hatte aber auch Glück: die Meisten fanden mein in altbewährter LaGrantig- Manier verfasstes Gesuch so lustig, dass sie schrieben, sie würden sofort mit mir tauschen, aber sie hätten selber Klodeckel mit diversen Motiven, weshalb das Ganze fast in in eine Klositzdesigndiskussion ausartete. Natürlich gehört ein Klositz prinzipiell zu der Sorte Gegenstände, die man eigentlich prima miteinander tauschen kann, da es den meisten Leuten völlig wurscht ist, ob sie mithilfe von Dalis zerflossenen Uhren, auf mundgeblasenem Villeroy und Boch- Porzellan, auf poppenden Karnickeln oder auf dem weissen Kunststoffimitat aus dem Baumarkt ihr Geschäft verrichten.

Bis sich schließlich eine Dame in diesem Beitrag meldete: sie habe einen kleinen Sohn, den sie gerade stubenrein machen möchte; er liebe Pinguine und sie hätte einen weissen Toilettensitz. Sie würde gerne mit mir tauschen, ihr Klositz sei halt auch nicht mehr neu, aber wenn ich ihn nur für die Wohnungsübergabe bräuchte, würde er wohl reichen; sie hätte gerne dafür meinen gegenwärtigen Klositz, da er vielleicht dem Kleinen beim Reinwerden helfe.

Ich kam gar nicht mehr dazu, der lieben Dame zu antworten, denn da wälzte sich schon die s&c- Administratorengestapo über den Horizont, pfiff erbost auf ihrer Bademeistertrillerpfeife und kommentierte mit warnend erhobenem Zeigefinger, dass Tauschgesuche jeder Art ABOLUTESTENS verboten seien und andernfalls mit Gruppenausschluss geahndet werden würden.

Nach dieser Steilvorlage konnte ich aber nun wirklich nicht mehr anders, als einen Kübel Spott und Hohn über diesem als Junghipster getarnten Nachkriegsschrapnell auszuleeren, denn sich wegen eines Klositztausches so zu gebärden, als ginge es um Drogen, Waffen oder Kindesentführung, stand für mich in keiner Relation. Gerade bei einem Klositz, dem Urvater der tauschbaren Objekte, kann man doch wirklich einmal eine Ausnahme machen. Ich tausche hier immerhin nicht ein IPhone gegen eine Fernbedienung.

Da meine Tauschpartnerin nicht anders reagierte als ich, sah sich das Administrationsfossil allerdings bemüßigt, uns beiden eine schriftliche Verwarnung in Form einer privaten Nachricht zukommen zu lassen. Verwarnt wegen Scheisshaussitztauschversuchs! Schreibt das auf meinen Grabstein.

Gekümmert hat uns das freilich recht wenig. Wir haben uns trotzdem getroffen, beim Handelskai, und haben mit Klositzen gedealt wie die Profis, und zwar mit Sonnenbrille, Handschuhen und aufgesetzten Kaputzen, sollte uns jemand von der s&c- Mafia überwachen.

In einer schwarzen Limousine abgeholt und vor den Kapo geführt wurde ich bisher nicht, die nette Dame auch nicht, der Klositz hat gepasst, die Hausverwaltung hatte in dieser Hinsicht nichts zu beanstanden, und von der Gruppe ausgeschlossen wegen Tauschversuchs wurde ich auch nicht. Nicht aus dieser. Nur aus einer Damenhygienegruppe, wegen eines als unpassend aufgefassten Zwischenrufs über Redefreiheit und Geschlechtsverkehr. Das ist aber eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden 🙂

 

 

 

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