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LaGrantig

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August 2016

„The students are there!“

Nachdem ich es mir nun nach einem langen, arbeitsreichen Tag vor dem PC gemütlich gemacht habe, mein Nachtmahl in Form einer asymmetrisch geschnittenen Salatgurke und einem Naturjoghurt verdrücke und meine geruchsintensiven Füße endlich an die Luft halte, habe ich mir gedacht, ich erzähle euch heute die Geschichte meiner besten Freundin Lisa und mir in Malta, als wir auf Sprachreise waren. Genaugenommen die Geschichte von der Tür mit dem Eisenschloss, wer sie schon kennt.

Was man wissen muss:

Lisa und ich kennen einander genau genommen seit unserer Geburt, wir sind nämlich nur neun Tage auseinander. Sogar im Pfarrblatt unserer Gemeinde stehen wir in der Rubrik „In Gottes Gemeinde aufgenommen wurden“ genau untereinander (das ist im Übrigen bis zum Ende unserer Schulzeit so geblieben. Lisas Nachname endete damals mit „Kr“). Selber Kindergarten, selbe Volksschule, selbes Gym.  Ich muss das alles vorausschicken, denn Lisa spielt in dieser Geschichte eine nicht wegzudenkende Rolle.

Das Geilste an uns ist, dass wir schon damals bis auf die Musik kaum gemeinsame Interessen hatten und trotzdem immer zusammenhingen (bis auf die Phase, wo Lisa in der Unterstufe mit den coolen Kids abhängen durfte, die wussten was ein Knutschfleck ist, H&M- Satinboxershorts zum Sportunterricht anhatten, BHs trugen und Haargel benutzten; ich hingegen trug zu dem Zeitpunkt die alten Hemden meines 15 Jahre älteren Bruders auf, klebte mir die Krauslocken mit Kokosöl an den Schädel und las Alexandre Dumas, wenn ich nicht gerade mit den anderen uncoolen Kindern Sailormoon nachspielte. Und ich schäme mich bis heute nicht dafür, ihr Penner. ICH war wenigstens nicht mit 16 schwanger!)

In der Oberstufe kristallisierte sich jedenfalls früh unser gemeinsamer Faible für Metal heraus. Lisa hatte den heiligen EMP- Katalog, den es bei mir zuhause nie gab (wohl weil ich auch lange nicht wusste was das ist), und wir verbrachten unsere Zehnerpausen mit Durchblättern und träumen. Lisa hat mir vor Jahrzehnten (!) ihr erstes Metalshirt geschenkt, von Blind Guardian. Inzwischen würde es einem Kind passen, aber ich habe es immer noch.

Die Klassenbelegschaft hatte beim Wechsel in die Oberstufe zum Glück ebenso gewechselt, denn sonst wäre wahrscheinlich irgendwann ein Mord passiert, wenn ich einigen dieser Kretins die Oberstufe auch noch hätte teilen müssen. Eine Art Klassengemeinschaft habe ich subjektiv gesehen in diesen acht Jahren nie wirklich erlebt; über meine Schulzeit spreche ich eigentlich überhaupt nicht gerne, da es für mich zumindest streckenweise die pure Hölle war. Lag wohl daran, dass man es als relativ unbedarftes Gemeindekind mit vergleichsweise alten Eltern generell ein bisschen schwieriger hatte und ich halt schlicht und ergreifend nie cool war, sondern „nur“ normal. Hätte ich früher gelernt, auf die Meinung anderer zu scheissen, wäre es mir schätzungsweise besser gegangen, aber bis dahin war es ein langer Weg, auf dem es viel zu lernen gab.

Richtig renitent wurde ich erst in der Oberstufe, als ich gelernt hatte, dass das Wort „Kameradschaft“ nur in meiner Lieblingsserie und bei den Drei Musketieren Bedeutung hatte, es im wahren Leben- bis auf Lisa- aber ganz anders aussah. Ich kam zumindest mit den Meisten aus, und das hat zum Überleben gereicht (jedoch wünsche ich mir rückblickend, dass ich genau drei Menschen beim Klassentreffen nochmal ordentlich die Meinung gesagt hätte. Aber um derartiges zu verhindern, gibt es zum Beispiel die Lisa)

Jedenfalls stand irgendwann, ich glaube mich schwach daran zu erinnern, dass es 2003 oder 2004 gewesen sein muss, die Sprachreise nach Malta an – und man glaube mir, allein die Wahl des Landes ging nicht ohne vorangehende dreimonatige Diskussion und künstlich empörtes „Dann fahr ich aber nicht mit!“- Sudern der letzten Bank ab (mit zwanzig nach postpubertärem Östrogen stinkenden Weibern und zwei bis drei Burschen ist nichts, aber auch GAR NICHTS einfach).

Als es an die Paarungen ging, wer mit wem bei der jeweiligen Gastfamilie nächtigt, schlossen sich klarerweise Lisa und ich zusammen, und gespannt harrten wir der Dinge.

Von eher wenig motivierten Eltern um zwei Uhr früh auf den Flughafen Linz Hörsching verfrachtet und von da an einer kompetenten Pädagogin und einem in höchstem Maße inkompetenten Lehrkörper überlassen, kam uns das Ganze wie ein richtiges Abenteuer vor. Weit weg, ohne Eltern, und mit der Aussicht auf Fortgehen ohne Zeitlimit und Sonnenbaden ohne Ende – so stellten wir uns die Sprachreise vor. Dass wir vormittags die Schulbank drücken mussten, um unser Englisch zu verbessern, blendeten wir zu diesem Zeitpunkt noch großzügig aus.

Am Flughafen in Malta gab es nach den ersten pädagogischen Maßnahmen („Ihr bleibts nur so lang fort wies die Gastmutter erlaubt! Ihr essts was auf den Tisch kommt und ihr benehmts euch gscheit!“) gleich auch die ersten Verwirrungen: Manche Gasteltern waren überpünktlich, manche verspäteten sich ein wenig, und manche kamen garnicht, was zur Folge hatte, dass die Übriggebliebenen in einen Kleinstbus verfrachtet und den Familien postwendend zugestellt wurden – in diesem Falle Lisa und ich.

Irgendwann fielen wir steifbeinig und mit unseren mütterlich gepackten Riesenkoffern aus dem Bus in ein enges Gasserl und beäugten skeptisch eine grüne, kleine Haustür in einem einen dezent baufälligen Eindruck hinterlassenden Häuschen. Der Name unserer Gastmutter stand auf der Tür (nach mehrfachem Abgleich mit dem Informationsschrieb der Schule, denn der Nachname begann mit „X“), aber Klingel war keine zu finden; kein Türklopfer, nichts. Lisa scheuchte mich vor, und ohne zu klopfen drücke ich also die schmiedeeiserne Türklinke hinunter und die Tür schwingt auf.

Im Inneren: Altwarenhändlers Stolz. Die Hütte war gerammelt voll mit Heiligenfiguren, Kreuzen, Weihwasserfässchen, Möbeln und Plastikblumen in Plastikvasen auf Plastiktischtüchern. Es roch nach einer Mischung aus Industrieküche, Messiekeller und Kirche nach einer Beerdigung, und mitten in diesem sakrosankten Durcheinander saß ein vielleicht siebenjähriger Bub nasebohrend auf einer schirchen Couch und glotzte in den Fernseher, der in einer Lautstärke lief, die sogar Tote aufgeweckt hätte, während in einem Raum weiter hinten ein Radio dazubrüllte. Da fiel erst einmal eklatant auf, dass dieser depperte Fernseher auf einem windschief in die Wand gezimmerten Board mitten, und wirklich MITTEN in den Stiegenaufgang reinragte. Es würde ohne Zweifel das Feingefühl eines Gefäßchirurgen nötig sein, unsere Stopfganslkoffer da hinaufzubefördern.

Jedenfalls standen wir da jetzt mittendrin mit unseren Ungetümen und der Bub glotzte uns an, während mir die Lisa konstant den Druck verstärkend in den Ellbogen kniff (so machen wir es heute noch, wenn die eine eine Situation bemerkt, die die andere auch bemerkt, zum Zeichen, dass hier Redebedarf besteht). Während es in meinem Hirn noch arbeitete, ob ich da jetzt hingehen und ihm die Hand geben und uns wie zivilisierte Jugendliche vorstellen, oder aber einfach formlos nach seinen Eltern fragen sollte, nahm der Knabe den Finger aus der Nase und überbrüllte mit seinem Organ sogar den Fernseher: „VICTORIA!! THE STUDENTS ARE THERE!!!!“

IMMER noch einigermaßen verdattert und inzwischen generell erschlagen von eigentlich eh allem, verstummte nun zumindest der Qualen leidende Radio, und in der Tür zum hinteren Raum erschien nun unsere Gastmutter. Wenn man es genau nehmen möchte, Gast-Urgroßmutter. Victoria war klein und dicklich, hatte kurze graue Omalöckchen, eine dicke Omabrille und trug ein Oma- Schürzenkleid. Oma deluxe. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab und begrüßte und so herzlich, dass uns gleich leichter ums Herz wurde. Inzwischen stellte sich auch heraus, dass der Bub ihr Enkel war und ihr Sohn leider mit dem Auto weggefahren sei und man uns deshalb nicht habe holen können. Da sie der Stiege und dem ersten Stock zustrebte, wo sich offenbar unser Zimmer befand, galt es jetzt, die Stopfgansln an diesem depperten Board mit dem Fernseher vorbeizunavigieren. Da ich von Natur aus eher grobschlächtig veranlagt bin, hätte ich wohl die Lisa vorgehen lassen sollen, aber da ich Victoria am Nächsten stand und sie irgendwie ungeduldig wirkte, hab ich das zentnerschwere Trum angehoben und es bei dem Versuch, es halb zu tragen, halb zu schleifen, erst einmal direkt mit Karacho gegen das Board gerammt. Der Fenseher wackelt, der Bub schaut entrüstet, Victoria schaut rügend und die Lisa muss sich zum Lachen wegdrehen.

Irgendwann sind wir doch oben. Die Tür zu unserem Zimmer ist eine aus zwei Türflügeln bestehende Milchglastür mit einem massiven Eisenschloss, und Victoria schärft uns gleich hier zum ersten, aber nicht zum letzten Mal an diesem Tag ein, den rechten Flügel mit dem Schloss ja niemals zu schließen – das Schloss wäre alt und rostig und würde von aussen nicht mehr aufgehen, ergo wäre auch auf Windstöße bei geöffnetem Fenster oder etwaige andere Unachtsamkeiten zu achten. Im Zimmer drinnen sieht es aus wie bei Hempels unterm Sofa. Zwei uralte Bettgestelle mit dünnen Matratzen, aber circa vier Decken unterschiedlicher Dicke und Konsistenz, die eine beträchtliche Anzahl undefinierbarer Flecken aufwiesen; zwei Nachtkasteln mit Funzeln darauf, die die Bezeichnung „Nachttischlamperl“ eher nicht verdienen, und einen winziges Bad mit Dusche und Klo. Victoria beschreitet sogleich hurtig den nächsten Programmpunkt: Das Klo nämlich. Da gäbe es ein bis dato ungeklärtes Problem mit der Spülung. Und man solle nur spülen, wenn es sich nicht unbedingt vermeiden lässt. Lisa und ich tauschen einen Blick und meine Mundwinkel verkrampfen inzwischen vor lauter unterdrücktem „What the fuck“.

Victoria deutet auf eine Tür neben unserer – das sei ihr Schlafzimmer. Für sie wäre es in Ordnung, wenn wir bis zwei Uhr wegblieben, aber wir mögen doch bitte kurz bei ihr hineinschauen, wenn wir wieder da sind. Machbar, keine Frage.

Wenn wir mit Auspacken fertig seien, sollen wir doch runterkommen in die Küche, dann gäbe es Essen. Nachdem Victoria den ersten Stock verlassen hat und der Radio in der Küche wieder plärrt, lassen wir erst einmal alles fallen und kriegen uns vor lauter Lachen über die geballte Skurrilität dieses Hauses nicht mehr ein. Zeitplan wird gecheckt, immerhin sollen wir uns heute noch mit den anderen aus der Klasse treffen, um erste Erfahrungen auszutauschen und die Pläne für die nächsten Tage besprechen.

Wir beschließen, die Stopfgansl Stopfgansl sein zu lassen, und gehen gleich in die Küche, aus der es undefinierbar riecht. Der Fernseher ist aus und der Bub ist weg.

Victoria weist uns huldvoll zwei Plätze an ihrem Küchentisch zu, auf dem bereits gedeckt ist, und beginnt damit, uns zwei Teller voll mit undefinierbarem Auflauf aufzuladen. Währenddessen erzählt sie uns, dass sie großer Fan von Countrymusik sei und auch gerne mitsinge und ob uns das hoffentlich nicht störe. Wir verneinen brav und äugen dabei skeptisch auf die Teller, die sie uns nun vor die Nasen stellt. „Riso al forno!“, sagt sie zufrieden, lehnt sich an die Budel und schaut uns abwartend an.

Vorab, ich bin beim Essen alles andere als heikel. Nie gewesen. Ich esse alles außer braune Bananen, Beuschel und gefüllte Paprika. Aber nach zwei Bissen wurde mir klar, dass ich ein viertes Gericht auf meine Absolut-nur-in-Zeiten-allerhöchster-Not-essbar-Gerichte-Liste aufnehmen müsste, als ich sah, WAS in diesem „Riso al forno“ drin war. Mich schaute ohne Scheiss ein Fischauge an. Ein richtiges Auge mit Pupille. Neben einem Arschvoll Gräten und optisch wie geschmacklich undefinierbarem Kleinstteilen. Der Lisa ging es nicht anders, sie gab mir unter dem Tisch einen Tritt und ich fokussierte mich auf meinen Leichenauflauf, für den Victoria offensichtlich einen kompletten Fisch samt Schädel einfach in den Fleischwolf geschmissen und anschließend dem Reis zugeführt hatte. Noch schob ich es auf maltesische Hausmannskost, aber nach fünf recht gehäuften Löffeln und einem geistigen Abdriften zu McDonald´s gab ich auf. Unter der Vorgabe, kolossal satt und müde vom Flug zu sein, bedankten wir uns überschwänglich und verschwanden wieder auf unser Zimmer, in unseren Köpfen die Frage, wie sich das hiesige Essen mit der Klospülregel wohl vereinbaren ließe.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und so gewöhnten wir uns im Laufe der nächsten Tage verhältnismäßig schnell an die fleckigen Decken, daran, nach kleinen Geschäften nicht zu spülen, unsere Zimmertür nicht zu verschließen und an Victorias „Country Roooooooooaaaads“-Gebrüll am Morgen. Das Frühstück und die Lunchpakete waren durchaus essbar, und meistens traf es sich ohnehin so, dass wir am Abend mit der Klasse irgendwo essen waren, weshalb wir von weiteren Überraschungen aus Victorias Küche weitestgehend verschont blieben.

Nun kam dann der Abend, an dem wir zum ersten Mal kein Programm und damit Ausgang hatten. Im Vorfeld hatten wir uns einen Plan von Paceville besorgt, dem Fortgehgrätzl auf Malta, wo sich eine Bar nahtlos an die andere reiht. Da wir ohnehin nicht wirklich damit gerechnet hatten, auf eine Art Rocklokal zu stoßen, kleideten wir uns dennoch standesgemäß ein (damals fingen wir gerade damit an, ausschließlich schwarz zu tragen; ich trug zu dieser Zeit zusätzlich fast immer ein dunkelrotes Bandana, um meine noch recht frische „Szenezugehörigkeit“ zu demonstrieren) und verließen das Haus.

Angekommen in Paceville streiften wir recht ziellos durch ein paar Lokale, bis wir wo pickenblieben, wo es fünf Vodka- Bull auf einem Tablett für zehn Euro gab, und dazu ein paar süße Liköre (ich weiss bei Gott nicht mehr, was genau es war, aber ich habe irgendwas mit Maracuja im Hinterkopf). Man muss dazusagen, zum damaligen Zeitpunkt waren weder Lisa noch ich besonders trinkfest, weshalb uns die paar Flügerln schnell ins Hirn stiegen und wir anschließend kichernd in ein Lokal rannten, aus dem gerade Ushers sich damals in den Charts befindlicher Song „Yeah“ tönte, denn zu diesem Song haben sogar wir getanzt (und tun es bis heute).

Irgendwann ging es dann auf zwei Uhr zu, und wir beschlossen, etwas zeitiger den Heimweg anzutreten, denn wir hatten mittlerweile schon recht kolossal einen in der Krone.

Immer noch besoffen lachend, enterten wir Victorias Haus und schlichen, so gut man betrunken halt schleichen kann – wahrscheinlich rumpelnd und lachend wie die Rauchfangkehrer- die Stiegen hinauf. Dort rissen wir uns zusammen und ich schickte aus Gründen der Artikulation die Lisa vor, um der Victoria zu sagen, dass wir jetzt zuhause wären. Rückwirkend betrachtet wäre es wirklich wurscht gewesen, denn die Lisa brachte auch nur ein betont schön artikuliertes: „Victoria. We are back. We go to bed now.“ zustande, bevor sie sich wieder prustend dem Gang zuwandte und mir rotäugig mit erhobenem Daumen das Signal zum endgültigen Rückzug gab. Doch jetzt erst sahen wir das Problem, das sich in unserem Suff erst recht als unüberbrückbar darstellte:

Die rechte Flügeltür war bumfest zu. Ich rüttelte ein bisschen an der Klinke, aber da tat sich gar nichts. In unseren alkoholumwölkten Gehirnen kam uns der Gedanke, dass wir nach dem Duschen wohl das Badfenster offengelassen hatten, obwohl es draußen sehr windig war, und das Resultat davon war nun, dass wir eigentlich schon beide recht akut aufs Klo mussten, einen Ziegel hatten und obendrein die depperte Tür nicht mehr aufging. Ich musste inzwischen so lachen, dass ich nur mehr sinnlos auf der Treppe sitzen und meinen Pipidrang niederkämpfen konnte, während die Lisa zwischen „PSSSSCHT“- zischen und lachen hin- und herschwankte.

Es kam wie es kommen musste, irgendwann wurde Victoria munter und fragte uns relativ ungehalten, was wir denn hier noch täten und wieso wir nicht in unseren Betten wären. Wir versuchten ernste Mienen aufzusetzen und ihr das Problem mit dem Wind zu erklären, aber die glaubte uns natürlich kein Wort. Auch sie rüttelte fluchend an der Tür, aber an der Gesamtsituation änderte sich nichts, außer dass wir uns weitere Lachkrämpfe gewaltsam verbeissen mussten.

Irgendwann ging Victoria, Undeutliches murmelnd, hinunter und kam kurze Zeit später mit einem Buttermesser zurück. Ein komplett normales, handelsübliches Buttermesser. Und fing an, damit in dem Spalt zwischen Schloss und Tür herumzustochern. Wir sahen ihr mit Kulleraugen dabei zu, bis sie vom Schloss abließ, wieder hinunterging und diesmal mit einem Fuchsschwanz wiederkam. Jetzt brachen bei mir wirklich alle Dämme, und ich habe gelacht bis mir die Tränen kamen und ein paar Tröpferl in die Hose gingen. Inzwischen hat die Lisa, die in solchen Situation immer viel besser ein Pokerface behalten konnte, auch wieder gelacht, und auch Victoria in ihrem rosanen Blumenmorgenmantel hat schon geschmunzelt, weil es wirklich so blöd war, dass man es sich auf der Zunge zergehen lassen muss: zwei besoffene Austauschschülerinnen samt Austauschoma versuchen mit einem Fuchsschwanz ein eisernes Schloss aufzusäbeln.

Nachdem auch dies klarerweise nicht fruchtbringend war, wies mich Victoria an, das linke untere Milchglas vom linken Türflügel einzutreten, während sie ihren Sohn anrufen wollte, weil dem vielleicht ja irgendwas Nützliches einfalle.

Ich habe dann zweimal gegen das Glas getreten, aber eher halbherzig, weil ich doch Hemmungen gegenüber dem Eigentum anderer empfand, obendrein nicht mehr wirklich geradeaus schauen konnte und mir obendrein Gedanken machte, was unsere Lehrerin morgen wohl sagen würde. Das Glas knirschte nur, es brach jedoch nicht, und weil ich beim zweiten Tritt auch nicht mehr wirklich das Glas, sondern direkt das Schloss traf, machte es im Zimmer drinnen „Klonk“. Es sollte sich alsbaldigst herausstellen, dass sich die Türklinke im Inneren des Raumes durch den Tritt gelöst hatte und mitten ins Zimmer gefallen war.

Victoria hatte inzwischen ihr nicht fruchtbringendes Telefongespräch beendet und rückte nun mit einem Geschirrtuch und einem Nudelholz an. Mit der einen hielt sie das Geschirrtuch, mit der anderen drosch sie das Milchglas ein, und jetzt sahen wir erst, dass die scheiss Klinke MITTEN ins Zimmer geflogen und auch auf eine Armeslänge hin nicht zu erreichen war. Wir beide waren inzwischen zu wirklich absolut nichts mehr zu gebrauchen vor Lachen, und ich lache auch jetzt wieder, wenn ich mich daran erinnere, dass wir diese scheiss Tür nicht und nicht aufgebracht haben und es eigentlich nur Victoria und ihrem Einfallsreichtum zu verdanken hatten, dass wir in dieser Nacht doch noch in unseren Betten schlafen konnten.

Jedenfalls holte sie jetzt einen Staubsauger – um die Klinke „anzusaugen“, sie wieder ins Schloss zu stecken und es von innen zu öffnen, und, wie bei allen Versuchen, die an diesem Abend mit dieser Tür aus der Hölle zu tun hatten, scheiterte auch dieser – Stichwort Saugkraftverlust. Aber immerhin war das Staubsaugerrohr lang genug, um die Klinke heranzufischen und schlussendlich die Tür aufzumachen.

Wir haben in derselben Nacht noch nach den Konsequenzen gefragt, und unsere Lehrerin hat vor unserer Abreise auch noch mal gefragt, was wir ihr denn schulden, aber Victoria meinte, nun wiederum relativ gelassen, die Tür gehöre sowieso erneuert und jetzt käme man immerhin ran, wenn sie wieder einmal zufiele.

Ich glaube ja, diese Tür gibt es in genau diesem Zustand heute noch.

 

 

 

 

Tipp: Andreas Föhr „Eisenberg“

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Erschienen im Juni diesen Jahres im Knaur-Verlag, kann ich diesen Krimi jedem ans Herz legen, der einen spannenden, juristischen, aber vergleichsweise unblutigen Pageturner eines deutschsprachigen Autors sucht.

Rachel Eisenberg, eine gestandene, selbstbewusste Mittdreißigerin, frisch geschieden und Mutter einer pubertierenden Tochter, ist eine angesehene, erfolgreiche Anwältin mit entsprechendem Ruf und eigener Kanzlei, die sie zusammen mit ihrem Exmann führt. Der neue Fall, mit dem sie betraut wird, sollte eigentlich nur ein Prestigefall werden: Ein Obdachloser wird verdächtigt, eine junge Frau getötet zu haben, da man ihn in unmittelbarer Nähe zum Tatort angetroffen hat.

Womit Rachel Eisenberg nicht rechnet: Bei dem Obdachlosen handelt es sich um ihren Exfreund aus Jugendjahren, Heiko Gerlach, der sein Leben als Uniprofessor für Physik sowie seine letzte Beziehung in den Sand gesetzt und dadurch alles verloren hat. Dennoch kann er weder ein Alibi vorweisen, noch sich einen Verteidiger leisten, weshalb sich Rachel trotz gemischter Gefühle seines Falles annimmt. Anfangs zeigt sich der Verdächtige noch kooperativ, und es sieht so aus, als ob man ihn durch die Aussagen anderer Obdachloser entlasten könne, als er plötzlich und ohne sich mit Rachel abgesprochen zu haben, ein wirres Geständnis ablegt. Rachel, die ihm sein Geständnis nicht abnimmt, setzt alles daran, seine Verurteilung zu verhindern, obwohl sie damit offensichtlich gegen Gerlachs Intention, sich wegsperren zu lassen, angeht.

Bald kommt auch ans Licht, dass sich die Polizei verdächtig schnell mit dem Geständnis zufrieden gibt und weitere Ermittlungen einstellt – für Rachels Geschmack zu schnell. Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass sowohl seitens der Polizei als auch seitens der Staatsanwaltschaft geschlampt wurde, was die Aufklärung des Mordes und den Hintergrund der Ermordeten betrifft, also begibt sich Rachel selbst auf Spurensuche in der Obdachlosenszene und in die Vergangenheit des Opfers und stößt dabei auf ein Geflecht aus Lügen, Trug und falschen Spielen …

 

Rachel Eisenbergs schnippischer schwarzer Humor durchzieht, gemeinsam mit pointierten, zum Schmunzeln veranlassenden Anspielungen auf ihren jüdischen Glaubenshintergrund, das gesamte Buch und sorgt für die Auflockerung längerer handlungsarmer Passagen, von denen es in diesem Krimi aber nur äußerst wenige gibt. Föhr versteht sich auf eine prägnante, spannende Erzählweise und wechselt nur zwischen zwei Perspektiven bzw. Zeitsträngen hin und her, von denen beide essentiell für den weiteren Verlauf sind.

Im Vergleich zu den düsteren Skandinaviern, wo sich teilweise die völlige Abwesenheit von Glück auf das Gemüt des Lesers schlägt, bedient sich Föhr hier aus allen Gefühlsspektren des Menschen: sowohl die Beziehung zwischen Rachel und ihrem Exmann Sascha, die Probleme von Tochter Sarah und Rachels Verwirrung im Bezug auf Heiko Gerlach finden ihren Platz und fügen sich stimmig in das Gesamtkonzept.

Freunde der Krimis von John Grisham und Sebastian Fitzek werden mit diesem Buch ihre helle Freunde haben; Fans von blutigeren Gemetzeln á la Andreas Gruber oder Erik Axl Sund werden im Hinblick auf die geringe Anzahl an Morden und den Hergang derselben eher enttäuscht sein. Kein Splatter, keine durchgeknallten Psychokiller abseits des menschlich Fassbaren; jedoch ein guter, strukturierter Krimi mit facettenreichen Charakteren und überraschenden Wendungen, spannend bis zum Schluss und gekrönt von einem stimmigen Ende.

„Eisenberg“ von Andreas Föhr macht Lust auf mehr Bücher mit der taffen Protagonistin.

Das Heilige Buch.

fragezeichen

Heute mal eine Anekdote zum Thema „Kunden und ihre Spompanadln“, und warum es essentiell ist, seine Wünsche entsprechend zu artikulieren. Nach „Dschon Feilding“ (Joy Fielding), „Ritas Deitschest“ (Reader’s Digest) und „Gut“ (Ecoute) zu fragen und zu erwarten, dass sein Gegenüber sofort weiß, was man meint, ist die eine Sache. Wenn man keinen Titel, sondern nur einen Autor weiß, ist die andere Sache, denn auch da besteht noch die Möglichkeit, mit der Hilfe des Warenwirtschaftssystems herauszufinden, was gesucht wird. Und vage Umschreibungen sind die dritte Kategorie, denn da kann der Computer kaum helfen, wenn man weder ein Stichwort noch sonst etwas weiß. Das ist die Königsdiziplin des Buchhandels, denn das korrekte Ergebnis erhält man meistens durch eine Kombination aus Googletreffern (man glaubt nicht, wie oft ich heuer schon „Kleines rosa Buch mit Blumen“ und „Irgendwas mit Wirtschaft what the fuck“ gegoogelt habe), Hirnschmalz und Erfahrungswerten.

Wir befinden uns im Jahre 2011. Damals war ich noch geringfügige Samstagskraft in der Filiale, die leider bereits geschlossen hat. Sie befand sich in einem Einkaufszentrum im zweiten Wiener Gemeindebezirk, das Publikum war eher auf Trivialliteratur aus; selten gab es kompliziertere oder speziellere Anfragen, aber WENN es welche gab, war fast jede dieser Anfragen eine eigene Anekdote wert. Eine davon will ich euch nun erzählen, bevor ich mich in den wohlverdienten Festival- Kurzurlaub verfüge.

Samstag Vormittag also, wenig los. Ich sortiere die Tageszeitungen, eine Kollegin übernimmt Ware, daher bin ich alleine im Geschäft.

Nach einiger Zeit stürmt ein Kunde herein. Männlich, Mitte vierzig, offensichtlich südländischer Abstammung; relativ teuer gekleidet, intensiven Parfumgeruch verströmend, die verspiegelte Ray Ban im Gesicht, und macht einen eher gestressten Gesamteindruck. Er kommt zielstrebig auf mich zu, bleibt vor mir stehen und haut ansatzlos raus:

„Excuse me, Lady, but I need a fucking bible.“

Ich folge meinem ersten Impuls, höflich erneut nachzufragen, da ich mich wahrscheinlich sowieso verhört habe, weil doch wohl hier niemand nach einer Bibel fragen wird, und wenn, dann sicher nicht im selben Atemzug mit dem F- Wort. „Pardon me?“

Kunde, ungeduldig: „Don’t you have a fucking bible?!“

Ich gebe mir Mühe, einen beiläufigen Gesichtsausdruck zu wahren, da ich ihn jetzt wirklich klar und deutlich verstanden habe. Wofür, um Himmels willen, kann ein Mensch SO dringend eine Bibel brauchen?! Berufung zum Spontanexorzismus in der U6 ?

Ich bin aber hier nur die Buchhändlerin, also stehen mir Kommentare zur Art und Weise des Nachfragens nicht zu (im Zuge meiner Karriere sollte ich nicht immer so zurückhaltend sein – aber dies sind andere Geschichten und sollen ein anderes Mal erzählt werden)

Dennoch begebe ich mich nur zögerlich zum entsprechenden Regal; der Kunde folgt mir auf dem Fuße und macht immer noch einen gehetzten Eindruck. Langsam fange ich an, sowohl an meinem Verstand als auch an der Ernsthaftigkeit der Lage zu zweifeln. Entweder hält mich der Kasper da grade beim Schmäh, hat eine Wette verloren und muss sich in irgendeinem Geschäft zur Frucht machen oder verfügt schlicht und einfach nicht über den notwendigen Respekt gegenüber anderen Kulturen.

Vor dem Regal mit diversen Bibeln und dem „Gotteslob“ angekommen, fange ich an, die Vor- und Nachteile der verschiedenen Ausgaben im Bezug auf Bindung und Größe zu erläutern, immerhin handelt es sich hier immer noch um ein Verkaufsgespräch. Plötzlich schiebt sich der Typ die Sonnenbrille aufs gebräunte Hirn in die Schmalzlocken und reibt sich mit beiden Händen übers Gesicht, bevor er sie entsetzt vor den Mund schlägt.

„Oh shit. Oh my god, I’m so sorry.“

Jetzt habe ich das Stadium erreicht, in dem ich schneller ungemütlich werde als sonst. Schmähführen gut und schön, aber verarschen braucht er mich auch nicht.

Doch bevor ich etwas sagen kann, lacht er kleine nervöse Lacher und sagt: „Not the holy bible. The other one.“

Ich steh am Schlauch, kenn mich garnimmer aus und vergesse, dass ich Englisch sprechen soll. „Ha? Wos woins jetzt?“

„You know…the indian thing…for things. You know, man and woman. Sex. the book. the INDIAN FUCKING BIBLE.“

Man hört keinen Groschen fallen, sondern das Geschepper und Geklimper eines kompletten Münzzählautomaten.

„So you need…the Kamasutra?!“

Er hüpft wie ein kleiner Bub und schaut ganz begeistert. „Yes! The Kamasutra!“

Jetzt muss ich auch lachen. Lange und ohne mich wieder einzukriegen.

Er hat dann eine schöne, leinengebundene Ausgabe gekauft und Kamasutra- Karten mit den Fotografien drauf. Und verpacken durfte ich es auch.

Ich hoffe, er konnte jemanden beglücken.

 

 

 

 

Das ereignisreiche Ableben Hamys des Ersten

Ich erzähle euch heute eine Geschichte, die sich vor ca. neun Jahren ereignet hat und bei der es sich, mit etwas Abstand betrachtet, eigentlich um eine Tragikomödie handelt. Ich erinnere mich nur noch deshalb so genau daran, weil das eine Ansammlung der mit Abstand skurrilsten Situationen war, die ich im Zuge meiner Unizeit jemals erlebt habe.

Nachdem ich im Jahre 2006 nach Wien gezogen bin, habe ich mir zum Zwecke der Gesellschaft einen Zwerghamster zugelegt. Ich war generell ein Hamsterkind; meinen ersten Hamster bekam ich mit ca. sieben, da meine Nachbarin, die im selben Alter wie ich war, zwei Hamster aus einer Tierhandlung bekommen hat und sich erst nach einiger Zeit herausgestellt hat, dass das Zweite davon doch kein Männchen war. Jedenfalls gabs zwölf Junge, von denen drei als Zwischenmahlzeit für die Mutter herhalten mussten und die restlichen weggegeben wurden. Einen davon bekam ich. Ich habe ihn Speedy genannt, weil offenbar alle Hamster, die wir jemals in der Familie hatten, Speedy hiessen und mein Bruder sich dereinst bemüßigt fühlte, mit einem Oldschool- Etikettendrucker „SPEEDY“ auf dem alten Käfig zu verewigen. Speedy war ein ausgewachsener Goldhamster und hat fast viereinhalb Jahre gelebt, Mannerwafferl aus der Hand gefressen und ist gerne kopfüber von seinem Käfigdach gebaumelt.

In Wien habe ich mir in frommem Gedenken an Speedy also erneut ein Kleinsttier gekauft und es Hamy genannt – in Anlehnung an das hyperaktive Eichhörnchen aus dem zum damaligen Zeitpunkt gerade aktuellen Film „Ab durch die Hecke“. Mit dem Namen hab ichs wohl zu gut gemeint, denn Hamy war scheu, eigenbrötlerisch und bissig. Lieb hatte ich ihn trotzdem, ausserdem sah es lustig aus, wenn er, statt IN seinem Laufrad zu laufen, darunter auf dem Rücken lag und es mit seinen Winzpfoten antrieb.

Hamy wurde auch in etwa drei Jahre alt, und mir grauste schon ein bisschen vor dem Tag seines Ablebens, da Speedy damals noch von meinem Vater im Garten bestattet wurde und ich bei toten Tieren immer ein bisschen waach im Schädel werde (und mein Vater musste wirklich ALLES bestatten das sich um unser Haus herum so fand: zerfetzte Vögel, die die Katze anschleppte, ausgeweidete Mausleichen und Maulwürfe ohne Kopf. Unsere Katze war ein Kater und eher furios vom Wesen her, daher hatten wir einen recht gut umgeackerten Garten)

Jedenfalls kam dieser Tag relativ ohne Anzeichen. Als ich des Nachmittags von der Uni kam, schaute ich in seinen Käfig. Da tat sich nichts. Aha. Bisschen Futterbox scheppern, bisschen Käfig klopfen, nichts. Mir wurde ein bisschen flau im Magen, als ich schließlich das Dach von seinem Häuschen anhob, und da sah ich ihn. Er lag ganz still da, seine winzige Brust hob und senkte sich nur mehr äußerst langsam. Heilige Scheisse. Mir wurden gleichzeitig mehrere Sachen klar, was mich dazu veranlasste, zum Kühlschrank zu gehen und mir ein ordentliches Stamperl Vodka einzuverleiben: der ist offensichtlich grade mit Sterben beschäftigt. Was tust jetzt? Liegenlassen? Aber was ist wenn er leidet? Ihm selber den Garaus machen? WIE? Erschlagen? Erstechen? Nein. Das verwarf ich noch bevor der Vodka meinen Magen erreicht und sich dort breitgemacht hatte.

Mein Entschluss, mit ihm zu einem Tierarzt zu fahren, war im Nachhinein betrachtet vielleicht nicht das Optimum, aber mir wars lieber, etwas getan zu haben, als zuhause hocken, zu lernen und nebenan kratzt grade der Hamster ab.

Jedenfalls habe ich eine Schuhschachtel mit Heu und Hamsterwolle ausgelegt, Löcher in den Deckel gestochen, den Hamster hineingepackt und bin zu einer Tierärztin gefahren. Dazu muss man sagen, ich habe den nächsten Tierarzt gegoogelt der um ca. neunzehn Uhr abends noch geöffnet hatte, und der war blöderweise im siebten Bezirk. Ich habe damals im neunten Bezirk gewohnt, es war also schon bisserl ein Weg dahin. Draussen war es saukalt und stockfinster, und ich marschiere also mit dem Karton quer durch Wien und trau mich nicht mehr hineinschauen, weil was ist wenn ich den Deckel aufmach und der ist tot (die Wahrscheinlichkeit war wohlgemerkt und offensichtlich nicht gerade gering).

Irgendwann komme ich, den Tränen nun schon recht nahe, bei der Tierarztpraxis an und gehe rein. Finster und leer. Eine einzelne Lampe brennt über einem Anmeldungstisch, an welchem eine hantige Mittvierzigerin sitzt und über ihre Lesebrille hinweg von der Kronenzeitung aufblickt. Sie schaut eher weniger begeistert drein, als ich mich nähere.

„Grüss Gott. Äh, da ist mein Hamster drin und ich glaube, der stirbt gerade. Könnten Sie ihn bitte einschläfern?“

Sie schaut mich mit einem Blick an, der an Abneigung nur von meinem eigenen Blick gegenüber Spinnen überboten werden könnte.

„An Hamster. Einschläfern.“

„Ja, bitte. Weil ich nicht weiss ob der leidet.“

Sie seufzt, hebt den Deckel und legt ihn auf die Seite. Äugt skeptisch in den Karton, und schaut mich vorwurfsvoll an. Ich schaue ihr nur ins Gesicht und werde langsam ein bisschen unrund, weil ich bin nicht zum Schauen da, sondern zum Hamster-erlösen-lassen.

Mit zwei weit abgespreizten, spitzen Fingern greift sie in den Karton und hebt den Hamster hin, hält ihn mir ruckartig unter die Nase und schnauzt:

„Sie wissen owa eh dass der schon kalt ist?!“

Ich schaue recht hilflos den offensichtlich inzwischen gestorbenen und steifen Hamster an und dann wieder sie, die mich anschaut als würds gleich die Baumgartner Höhe anrufen, damits mich besser gestern als heute abholen und wegsperren.

Inzwischen muss ich aber eine Art Kurzschluss im Hirn gehabt haben, denn ich habe brav „Danke“ gesagt, ihr den toten Hamster aus der Hand genommen, in den Karton zurückgelegt, den Deckel draufgetan und bin lächelnd wieder gegangen. Bis mir draussen eingefallen ist, dass ich jetzt einerseits auf die Uni muss und andererseits nicht einmal weiss, wo zum Geier ich den Hamster eigentlich bestatten soll. In einen Mistkübel wollte ich ihn jetzt auch nicht hauen, wo wir schon so weit gekommen waren, also habe ich den Leichenkarton mit auf die Uni genommen, und zwar genaugenommen in das schummrig beleuchtete Büro von Frau Professor E. am Germanistikinstitut. Professor E. ist eine hübsche junge Professorin, die sich mit allen Studenten gut versteht. Ich glaube, es wäre um eine Nachbesprechung zu einer Prüfung gegangen, jedenfalls dürfte ich inzwischen durch die Gesamtsituation recht verstört auf der Sesselkante des mir angebotenen Sessels gekauert und sie leicht entrückt angestiert haben – mit dem Karton auf dem Schoß. Man konnte eigentlich wirklich in Zeitlupe zusehen, wie ihr Gesichtsausdruck sich von offen und freundlich zu leicht verunsichert verändert hat.

„Ja mei, was haben´s denn da?“, sagt sie, wohl um das unangenehme Schweigen zu brechen und schaut auffordernd den Karton an.

„Einen Hamster.“

„Maaaah, liiiiiieeeeb! Darf ich schauen?“ (NICHT: „Wieso haben Sie ein Kleintier dabei? In einer Schuhschachtel? In meinem Büro?“ )

„Ich glaub, das ist jetzt vielleicht net so gscheit.“

„Na geeeeh, schlaft er?“

„Er ist tot.“

Nicht einmal Kreuz- und Querfalten auf ihrer Stirn, verursacht durch bis zum Haaransatz hochgezogene Augenbrauen, und ein psychotisch zuckender Mundwinkel sind in der Lage, ihr hübsches Gesicht zu entstellen.

Schweigen. Jetzt weiss ich nämlich wirklich nicht mehr, was ich noch sagen soll. Die Skurrilität dieser Lage ist nicht mehr in Worte zu fassen.

Professor E. hat einen Entschluss gefasst: Sie steht auf, legt mir eine Hand auf den Arm und zieht mich sanft hoch. „Jetzt fahrens einmal heim und machen sich einen Kakao. Und wegen der Besprechung schreibens mir, wenns Ihnen wieder besser geht, ja?“ (Einen KAKAO?! What the fuck?! Ich brauch einen Spritzer! Oder zwanzig!)

Und schiebt mich mehr bestimmt als freundlich zur Tür.

 

Im Endeffekt habe ich Hamy dann unter einem eingezäunten Baum in meiner Gasse beerdigt. Ich musste in Ermangelung adäquater archäologischer Utensilien mit einer Mistschaufel einer Küchenschere graben, aber es ging ganz gut.

Und wenn ihn kein Hund ausgegraben hat, dann ruht Hamy der Erste noch heute dort.

 

 

 

 

 

 

Was man gesehen und erlebt haben muss…

Was man gesehen und erlebt haben muss…
In Schörfling.
Mutter, Vater, Anna sitzen im Garten und trinken Spritzer. Mutter: „Spielst du auch das Viechspiel?“
„Ja.“
„Was muss man da machen?“
*20 Minuten später*
Mutter: „Gemma!“
Anna: „Wohin?“
Mutter: „Ja dahin wo die Viecher sind!“

Resultat:
Um den Ort gegangen -3x
Eier ausgebrütet- 2
Pokemon gefangen- 8
(„Der Elefant“, „ein Ratz“, „eine Katze“, „wos soi des sei“, „des is schirch des mog i ned“)
Davon neue- 2
Davon coole- 0
Mutter an Pokestops drehen lassen- 4x
Mutter Pokemon fangen lassen- 2x
Mutter rennt mit dem Handy davon- 1x
Mutter eingefangen- 1x
Handy zurückerobert- 1x
Katzen gestreichelt- 3
Zwischenstopp zuhause zum Spritzer trinken- 1x
Partezettel angeschaut, Leute ausgerichtet- einige.
Mutterfragen nach Spielfortschritt- ungezählt

Meine Mutter ist cool 🙂

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