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LaGrantig

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September 2016

Die gestohlene Krokette, oder: Hotelleriewahnsinn in Reinkultur.

Tja, wo fängt man an, wenn man über ein beruflich eher unrühmliches Kapitel der eigenen Biographie schreiben will? Richtig: Bei einer der wildesten Geschichten, an die man sich in diesem Zusammenhang noch erinnern kann.

Von 2013 bis Mitte 2014 habe ich meine Brötchen im Hotel einer österreichweit ansässigen Hotelkette verdient, da sich die Suche und Akquirierung einer neuen Lebenserhaltungsbasis im Bereich meines eigentlichen Berufes äußerst schwierig gestaltete, also habe ich beschlossen, das Gewicht auf mein zweites Standbein zu verlagern und mein Glück in der Gastronomie zu versuchen.

Abgesehen von „unserer“ Bar im ersten Wiener Gemeindebezirk hatte ich zwar keine Erfahrung, was aber keine Hürde darstellte – beworben, Probetag unter viel Blut schwitzen absolviert und Zusage bekommen. Und das waren ohne Übertreibung die wildesten anderthalb Jahre in meinem bisherigen Leben. Ich habe gute Freunde kennengelernt, Küchentricks, bin messerwerfenden Köchen und trunksüchtigen Kellnern begegnet und mehr als einmal direkt vom Fortgehen wieder in die Arbeit gefahren (hier erinnere ich mich gerne an eine lagandär durchzechte Nacht im Graffiti; als es auf halb sechs zugeht, murmelt mein Kumpel B. mit schwerer Zunge, während er sich seinen Weißbierbart abwischt: „Heast, muast du net in ana halben Stunde in der Hackn sein?“ „SCHEISSE.“ „Da, hast an Zwanziger Taxigeld. Wir kommen dann frühstücken. Hicks.“)

Dienstbeginn war entweder um sechs, um sieben, um halb acht oder, bei Spätdienst, um halb vier Uhr nachmittags.

Der Sechs- Uhr- Dienst bedeutete, um halb fünf aufzustehen und mit der ersten U- Bahn der morgendlichen Drangsalierung durch herumwütende Touristengruppen entgegenzutuckern. Russen, Araber, Franzosen, Asiaten, alles. Und alle mit ihren Eigenheiten. Was am Anfang auf mich noch gewirkt hat wie Wahnsinn im Schnelldurchlauf, weil alles so verrückt war, wurde mehr und mehr zur Normalität, wobei ich nicht weiss, ob die Leute normaler wurden oder ich immer durchgeknallter.

Die Tage folgten jedenfalls einer strikten Routine: einreiten, Red Bull aufmachen, Zigarette rauchen, umziehen. Und da man mir natürlich nach kurzer Zeit auch dort die altbekannte Renitenz attestiert hat, sah meine Uniform immer ein bisschen anders aus. Überhaupt: UNIFORM. Da stellt sich mir schon wieder alles auf. Adrettes weißes Blüschen, Gillet, Krawatte. Pfui Teufel, aber notwendiges Übel. Hat mich auch nicht daran gehindert, anstatt einer weißen Bluse ein schwarzes Hemd zu tragen. Zumindest anfangs. Und dann kamen die Trachtenklamotten, und da wars dann aus mit meiner Kooperation und ich hätte fast eine mit dreckigen Putzfetzen bewaffnete Mitarbeiter-Bürgerwehr gegründet.

Nachdem ich mich jedenfalls in die Uniform gequält habe, bin ich in die Küche gegangen, wo die Küchenhilfen (eine davon ist heute noch dort, aber die ist auch wirklich verrückt und säuft dem Koch den Kochwein weg. Die Frau ist ein Naturwunder. Zaundürr, innerlich geräuchert, konserviert und in Wirklichkeit wahrscheinlich schon 103 Jahre alt, spricht sie wahrscheinlich heute noch mit den Köpfen der Fischfilets) alles fürs Frühstücksbuffet vorbereiteten und wir mehr als einmal den jeweiligen Koch anrufen mussten, wo er denn bleibt, was in etwa zweimal die Woche so ablief:

*Freizeichen, gefühlte zehn Minuten lang*

T: „Waaaaas.“

„Ich bins. Wo bist denn?“

T: „Wie spät ist es denn?“

„Zehn nach sechs.“

T: „Scheisse.“ *tut tut tut tut*

Wir haben wahrscheinlich alle 100 Euro im Jahr an Taxigeld ausgegeben, um die dramatischen Folgen des Verschlafens zumindest einzugrenzen.

Die Geschichte, die ich heute erzählen will, hat sich noch relativ in meiner Anfangszeit ereignet. Ich war schon ca. ein halbes Jahr fester Bestandteil unseres damaligen Kellnerteams, das inzwischen schon gut eingespielt war. Mit dabei waren N., meine Chefin, S., unser Lehrling, D., ein Tischler, der als Kellner gearbeitet hat, I., kurz vorm zweiten Mutterschutz, die G., eine Kroatin, die in Italien im Kloster war und sich jetzt als Kellnerin ihren Lebensunterhalt verdiente, die zwei Küchenhilfen und W., der Koch, der nur mehr ein Auge hatte, weil er sich das Zweite mit einer Silvesterrakete weggeschossen hat.

Zu W. muss man sagen, dass er kurz vor der Pension stand und wirklich ALLES hasste. Menschen, kochen, Lebensmittel, alles. W. musste man seinen Kaffee mit Milch bringen und seine Tschik rauchen lassen, dann war seine Welt zumindest kurzfristig in Ordnung. W. erwartete sich Respekt und hat ihn auch immer bekommen, auch wenn sich seine Kochmethoden gelinde gesagt etwas abseits der Norm bewegten. Sagen wir so: W. verstand sich meisterlich darauf, aus etwas Altem etwas Neues zu machen. Mehr will ich dazu gar nicht sagen, das obliegt eurer Fantasie, was ich damit meine. W. war darüber hinaus ein Sparmeister. Nie zuviel von irgendwas, was sich unter anderem darin äußerte, dass er beispielsweise die Beilagen abzählte. Wenn für dreizehn Leute Mittagessen angesetzt war, gab es vierzehn Teller, mit je einem abgemessenen Stück Fleisch, drei Erdäpfeln pro Teller und einem gehäuften Esslöffel Fisolen, nur als Beispiel.

W. konnte gewaltig an die Decke gehen und herumbrüllen, dass die Wände wackelten. Er war auch unfassbar nachtragend, manchmal hat er einen den ganzen Tag nicht angeschaut, wenn man zuvor Scheisse gebaut hatte. Ich hatte Glück, und hab mich eigentlich immer mit ihm verstanden. Bis auf einmal, wo ich wahrscheinlich seine spärliche Zuneigung für den Rest meines Lebens eingebüßt hätte.

Es war gerade Urlaubszeit, also viele Touristen- und Seminargruppen, und ein neuer Koch, K., hatte gerade seinen Probetag (er ist uns danach zum Glück erhalten geblieben, da er als Kollege und als Kumpel eine wahre Bereicherung war).

Zum Mittagessen gab es für die Seminargäste immer ein vorher abgestimmtes Menü. Nach dem Frühstücksbuffet und der damit einhergehenden Putzerei begannen sowohl für die Küche als auch für uns die entsprechenden Vorbereitungen.

An diesem Tag gab es ein Menü, wo Kroketten die Beilage waren. Wir hatten einen extrem stressigen Morgendienst hinter uns, und waren bis Mittag herum nicht zum Essen gekommen („Essen“ bedeutete in unserem Fall, sich vom bereits im Abbau befindlichen Buffet etwas zu entwenden, wenn man uns nicht erwischte). Wir hatten also Hunger wie die Braunbären, und der W. und der neue Koch werkelten in der Küche am Seminarmittagessen.

Es war bei absoluter Todesstrafe verboten, etwas aus den fertigen Töpfen mit Seminaressen zu klauen. Wir haben es natürlich trotzdem getan, und „Kellner-Verjagen“ gehörte irgendwann zum Lieblingssport des Küchenpersonals. Man kann sich das schön vorstellen. Kaum war etwas fertig, schleichen sich die Kellner an und äugen in die Töpfe. Wer sich zu nah dranwagte, hat irgendwas auf die Pratzen bekommen. Erster Rückzug. Die Handelsmethode funktionierte manchmal ganz gut, zum Beispiel, indem wir der einen Küchenhilfe den Rest des Frühstücksproseccos für die Gäste in einer Kaffeetasse getarnt reichten; im Gegenzug dazu hat sie demonstrativ weggeschaut, während wir uns an den Töpfen zu schaffen machten, wenn es etwas zum Ausschlecken gab.

Wie gesagt, es gab irgendwas mit Kroketten, die waren fertig, in einer Schüssel und standen unter der „Sonne“ (der Wärmeleiste in der Küche, die zum Warmhalten von Tellern oder Essen benutzt wird, das schon fertig ist und aufs Rausgehen wartet). Und sie haben unfassbar gut geduftet, und ich hatte wirklich argen Hunger. Ich habe zwar gewusst, dass Kroketten ein gewagtes Unterfangen wären, weil der W. zum Einen sogar schon wusste, WIE er WAS WOHIN gelegt hat, und zum Anderen wie gesagt dazu neigte, die Beilagen abzuzählen, aber der Hunger hat zu diesem Zeitpunkt wohl das Logikzentrum in meinem Gehirn ausgeschaltet. Also habe ich mir eine Krokette geklaut, mich versteckt, sie gegessen und sie hat mich für zwei Minuten richtig glücklich gemacht. Bedauerlicherweise erwischte mich der damalige Küchenlehrling L. noch beim Kauen, bekam große Augen und flüsterte: „Was hastn da gegessen?!“

„Eine Krokette. Verrat mich nicht.“

„Spinnst?! Der W. hat die abgezählt!“

„WAS?!“

Und da wurde mir vor lauter Angst heiss und kalt. Der W. würde ausrasten und so lange toben, bis er den Schuldigen hatte. Heilige Scheisse. Scheiss Krokette!

Ich schaute noch kurz zur L., die dem neuen Koch etwas zuflüsterte und er in meine Richtung schaute, bevor ich auffallend leise und fluchtartig die Küche Richtung Bar verließ und es vorzog, mich bis zum Eintreffen der Gäste und dem damit einhergehenden Rausgehen der Teller akribisch mit der ohnehin sauberen Bar zu beschäftigen, während mein Schädel ganz heiss war und ich mir vor lauter Schiss vor dem W. seinen Schreikrampf fast in die die Hose gemacht hätte. Kollegin G. war mir gefolgt.

„Heast Annalina, wir brauchen dich in der Küche.“

„Ich kann nicht in die Küche. Ich geh nie mehr in die Küche.“

„Heast, hast einen Vogel? Der W. richtet schon an!“

„Sind die Beilagen schon drauf?“

„Freilich.“

Jetzt kannte ich mich nicht mehr aus. Hätte der W. das Fehlen der Krokette bemerkt, hätte man ihn garantiert die zwanzig Meter bis zur Bar gehört. Und aus der Küche kam aber nur Tellergeklapper und geschäftiges Murmeln. Also schlich ich mich, immer noch geduckt und wie auf der Hut, in die Küche, und lugte vorsichtig um die Ecke. Tatsächlich. Dreizehn Teller, ein weiterer Teller etwas abseits, auf jedem drei Kroketten. Ich runzelte die Stirn. Er hat sich verzählt! Oh Herr im Himmel Gastrogott, er hat sich verzählt! Ich hatte offensichtlich WESENTLICH mehr Glück als Verstand und würde den Rest meines Lebens Karmapunkte zurückzahlen müssen, aber ich hatte dieses Mal überlebt.

Erst nach dem Mittagessen habe ich erfahren, dass W. sich NICHT verzählt hatte, sondern dass L. und Kollege K. mir meinen blöden Arsch in einer wahren Kamikazeaktion gerettet hatten, während ich mich wie ein Hund, der auf die Schläge wartet, an der Bar versteckt hatte:

L. hatte dem Kollegen gesteckt, dass ich eine Krokette weggefressen hatte. Und K. war unter einem Vorwand in den Keller gelaufen, hatte eine Krokette aus dem Gefrierhaus geholt und in die noch heisse Fritteuse geworfen. Als W. die Kroketten aus der Schüssel auf die Teller aufgeteilt, dabei das Fehlen bemerkt und das große Zetern gekriegt hat, hat K. darauf hingewiesen, dass sich eventuell versehentlich noch eine Krokette in der Fritteuse befinden könnte – vergessen, quasi. W. schaute nach und fand die nachträglich ergänzte Sättigungsbeilage. Seiner Schaßäugigkeit war es wohl zu verdanken, dass er nicht bemerkt hat, dass das Trum nur halbgar war.

Am Ende dieses ereignisreichen Tages haben also L. und K. einen besonders schmackhaften, natürlich nicht ordnungsgemäß verbuchten Cappuccino von der großen Barkaffeemaschine bekommen – und ein Gast hat sich höchstwahrscheinlich kopfschüttelnd über eine halbgare Krokette auf seinem Teller gewundert.

 

 

Die Kleiderreinigungsmafia.

Als Überbrückung zur nächsten längeren Geschichte hier eine kurze Begebenheit aus dem Vorjahr, im Originalton meiner heute angezeigten Facebook- Erinnerung entnommen.

 

A.M.L. wurde heute erstmals Opfer der Kleiderreinigungsmafia 1090.

Anna bringt ihren Blazer in die Reinigung zu einer als grantige alte Hausbesorgerin getarnten Mafiapatin.
„Morgen.Ich brauch den Blazer bitte gereinigt.“
„5,50.“
„Äh,noch a Frage bitte…bis wann wärs denn in etwa fertig?“
„Montag Abend.“
„Uh,äh,da bräucht ichs schon.Recht dringend,sogar.Gibts da net a Möglichkeit…?“
*aufforderndes beidseitiges Augenbrauenhochziehen ihrerseits*
*ungläubiges beidseitiges Augenbrauenhochziehen meinerseits*

*lege mit einer vorsichtigen Geste die Zehn-Euro-Note aus meiner Hand auf den Tresen,schiebe ihn in Zeitlupe in ihre Richtung*
„Stimmt….so….?“
„Morgen Abend fertig.“

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