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LaGrantig

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Oktober 2016

Der Meilenstein.

Heute erzähle ich zur Abwechslung einmal keine Geschichte, sondern ich erdreiste mich, Werbung zu machen.

Ich kenne inzwischen viele fähige Musiker, Künstler und handwerklich Begabte, die ihre juvenilen Träume auf die eine oder andere Art in der einen oder anderen Form verwirklicht haben – und dass die Gehhilfe meiner Form von Verwirklichung etwas mit Literatur zu tun hat, wird wohl inzwischen jedem klar sein (oder spätestens, seit ich aufgehört habe, in einer Band zu spielen, war es ohnehin klar).

Ich habe vor drei Jahren über einen im Nachhinein betrachtet fast endlos scheinenden Zeitraum an meinem ersten literarischen Meilenstein gearbeitet – meine Abschlussarbeit an der Uni. Und hatte gleichzeitig einen Kumpel vor Augen, der an seiner Doktorarbeit schrieb, einen Haufen Unikolleginnen, die schon lange mit ihren hochwissenschaftlichen Traktaten fertig waren und irgendwie umgeben von Leuten, die alles schneller, schöner, besser und wissenschaftlicher machten als ich. Das war ungefähr so das Gefühl, das ich während meiner gesamten Unizeit hatte: Alle lesen Musil, Kant und den „Falter“ und tippen auf Netbooks in Anbetracht ihrer zukünftigen Position als intellektuelle Elite des Landes. Ich lese Rebhandl und Austrofred in Anbetracht meiner zukünftigen Position in der Arbeiterschicht, musste meinen gebrauchten Laptop in Raten zahlen und habe noch nie ein scheiss „Standard“- Gratisabo abgeschlossen, weil ich mich eh nicht so weit selber anlügen kann, dass ich die Zeitung tatsächlich jeden Tag auf meinem Teppich ausbreiten und aktiv lesen, sondern lediglich dazu benutzen würde, den Hamsterkäfig damit auszulegen oder meine nassen Stiefel damit auszustopfen.

Ich habe sie gehasst, die perlenohrringtragenden, bleistiftkauenden Girlies, die „Studentin“ als Berufsangabe verwenden und in einer von Papi finanzierten Wohnung in einem hippen Bezirk residieren und sich absichtlich den Kanon der Weltliteratur ins Billy- Regal räumen, für den Fall, dass sie einmal einen Aufriss von einem Semesteropening mitbringen und der Ansicht sind, um drei Uhr früh noch angetschechert brillieren zu müssen.

„Aber Anna, es sind doch nicht alle gleich! Aber Anna, du kannst doch nicht alle über einen Kamm scheren!“- Wer sich diesen oder einen ähnlich lautenden Stiefel anziehen will, kann es gerne tun, ihr wisst nämlich, was ihr mich könnt.

Verdorben hat mich in dieser Hinsicht eine Fehlbelegung im ersten Semester, wo ich ein Proseminar belegt hatte, ohne zu wissen, was das eigentlich ist. Und da waren lauter Höhersemestrige drin, bei deren Referaten mir das kalte Grauen gekommen ist. Thesen! Thesen müssen es sein! Unsereins hat mit dem Handy unter dem Tisch gegoogelt, was eine These ist, und mir war jeden Mittwoch Abend kotzübel, wenn diese Lehrveranstaltung angestanden hat, weil ich mich ums Verrecken nicht mit Leuten in einen Raum setzen wollte, die alles verkörperten, was mich so rasend gemacht hat. Die offensichtlich immer alles sofort verstanden haben und nie nachfragen mussten. Und ich war der Bauer vom Dorf, der in Anbetracht seiner Dummheit hier gerade am System Uni zu scheitern drohte.

Aber aufgeben tut man einen Brief (mein Gott, ist der ausgelutscht). Ich habe mich also so durchgewunden, wurde älter und ein bisschen umsichtiger, und als es auf das Ende zuging, habe ich mir das einzige Thema gesucht, über das ich mich damals in der Lage zu schreiben gesehen habe; über ungemütliche historische Zusammenhänge und in literaturwissenschaftlicher Hinsicht bedeutsame Persönlichkeiten schreiben schon andere.

Weil ich die meisten Studenten nach wie vor nicht mochte, habe ich mir damals selbst zum Ziel gesetzt, etwas zu verfassen, das es auch jemanden zu lesen freut, der noch nie auf einer Uni war, und zugleich wissenschaftlich genug zu arbeiten, dass es als meine Abschlussarbeit anerkannt werden würde. Ich wollte nichts schreiben, das kein Mensch lesen kann, weil es vor Fachvokabular und Großgekotze nur so strotzt. Das wäre nicht ich gewesen, und auch wenn es hier um meine akademische Abschlussarbeit ging, wollte ich mich nicht so weit verbiegen, um bestenfalls einen Haufen Unigockel zu beeindrucken, die auch nur mit Wasser kochen und leise furzen, wenn niemand hinhört.

Im Endeffekt habe ich mein Thema schnell gefunden. Obwohl mich viele literarische Aspekte interessieren, wären beispielsweise historische Werke im Zusammenhang mit ihrer Entstehungszeit nichts für mich gewesen. Ich wollte mich nicht auf ein Terrain wagen, auf dem es schon zig Werke gibt, und auf dem schon andere Leute mit mehr Hirn und Ernsthaftigkeit wirklich gute Sachen geschrieben haben (Hallo, Kalti). Da KONNTE ich nur abstinken. Also habe ich mich an das gesetzt, was mir während des Studiums wirklich immer Freude gemacht hat: ein riesengroßer Vergleich.

Und mein vorgeschlagenes Thema wurde tatsächlich angenommen, obwohl ich einen Aspekt etwas erweitern musste, damit man es als wissenschaftlich betrachten kann. Obwohl das Werk circa eine Woche vor Abgabe nochmal ordentlich unter Beschuss stand und ich es nachbürsten musste wie einen Königspudel bei der Hundeschau, wurde im Endeffekt eine ordentliche, den Anforderungen der Uni genügende Diplomarbeit daraus.

Langsam sollte ich vielleicht einmal erklären, worüber ich geschrieben habe, was angeblich so gar nicht wissenschaftlich ist:

Günter Brödl, mein persönlicher Held. Die Meisten kennen Dr. Kurt Ostbahn, die wenigstens seinen geistigen Vater, und noch weniger Leute kennen seine Kriminalromane aus der Achtzigern. Diese Krimis sind das, was ich als Meisterwerk im Rahmen meiner gesteckten Erwartungen an ein Buch bezeichne: bodenständig, spannend, mit ordentlich Wiener Lokalkolorit und der Haltung, sich einfach rein gar nichts zu scheissen, und zwar in der Form, wie man sie prima auf sein eigenes Leben adaptieren kann. In Kombination mit Ostbahn- Kurti und der Chefpartie als Hintergrundmusik habe ich mehr als einmal einen Zustand erreicht, den ich guten Gewissens als „umfassend zufrieden“ bezeichnen kann. Der Ostbahn-Kurti hat mich trotz meiner jungen Jahre schon in Oberösterreich begleitet, weil er musikalisch immer gerade irgendwas parat hatte, das zu meiner Stimmung gepasst hat.

Ich habe inzwischen viele Erinnerungen ähnlicher Wirkungsweise tätowiert: Findus die Katze, den Invincible- Stern aus Super Mario, das „A“ aus dem „A-Team“- Schriftzug und so weiter.

Aber Günter Brödl und Kurt Ostbahn wollte ich in Liebe und Dankbarkeit meine erste richtige literarische Arbeit widmen, und das habe ich getan.

Ich habe also meinen Lieblingskrimi, „Blutrausch“, zur eingehenden Analyse herangezogen, und mit einem neueren Autor verglichen, den ich mehr oder minder durch Zufall entdeckt habe, der ähnlich rotzig schreibt und keinen Detektiv, sondern zu meiner großen Freude einen versoffenen Antihelden als Protagonisten hat: Ken Bruens „Jack Taylor“. Hier befinden wir uns nicht in Österreich, sondern in Irland, und dieses Werk hat mehr Bezug zu der Zeit, in der sich die Handlung abspielt.

Den Kern dieser Arbeit bildet der Vergleich meiner Protagonisten, die keine richtigen Ermittler sind, sich in Werken befinden, die trotzdem die Kriterien eines Kriminalromans erfüllen und sich mit Problemen herumplagen, die zum Teil hausgemacht, zum Teil gesellschaftlich evoziert sind.

Es ist unschwer zu übersehen, dass dies keine Werke sind, die dem Kanon der Weltliteratur entstammen, weil sie von überragend metaphorischer Ausdrucksweise oder gar so vielschichtig sind, dass jede Lasagne dagegen vor Neid erblassen würde.

Es sind stinknormale Krimis, über die ich geschrieben habe; solche Krimis, die man wahrscheinlich mittlerweile auf Wühltischen und in Ramschkisten findet und die objektiv gesehen nichts an sich haben, das ihnen einen Platz im kollektiven Gedächtnis des literarischen Weltgeschehens sichern würde. Wenn sie vergriffen sind, wird sich niemand an sie erinnern, die Verfilmungen sind für den Normalverbraucher nichts Besonderes.

Aber für einen Menschen haben sie eine Bedeutung, und speziell im Falle von Kurt Ostbahn und Günter Brödl habe ich meinen Teil dazu beigetragen, dass die Erinnerung vielleicht noch ein bisschen länger lebt. Und wahrscheinlich, weil ich mich selber häufig wie ein Wühltischposten gefühlt habe.

 

Wieso ich euch das alles überhaupt erzähle? Weil die Arbeit heute als Buch erschienen ist:

grantbuch

Mein Meilenstein hat also den Weg in einen Verlag gefunden, weil davor und danach nie wieder etwas über die beiden Bücher geschrieben wurde. Es ist also eine Art Unikat. Ich hatte damals auch das große Glück, durch sehr freundliche Menschen mit Willi Resetarits reden zu können, und Harry Rowohlt, der Übersetzer von Bruen, hat mir einen auf Schreibmaschine getippten Brief mit der Post geschickt, der heute noch an meiner Pinnwand hängt. Ich habe an der Arbeit rein gar nichts verändert, weil sonst wäre ich vom Hundertsten ins Tausendste gekommen und im Endeffekt wäre da wieder etwas völlig anderes gestanden, und das wollte ich vermeiden.

Und wer sich nicht sicher ist, ob er eine „wissenschaftliche Arbeit“ wirklich lesen mag: Ihr kennt inzwischen meine Texte. Diese Arbeit ist beinahe keinen Deut anders, zumindest in den Passagen, in denen ich frei von der Leber weg schreiben konnte.

Wen es interessieren könnte: Freunde von Kurt Ostbahn und seiner persönlichen Geschichte, Freunde von Kriminalromanen, an der wirtschaftlichen Geschichte Irlands Interessierte, an irischen Krimis Interessierte, an der Unterstützung kleiner Literaten Interessierte.

Wen es jetzt tatsächlich interessiert, kann mir gerne Bescheid geben, wenn er ein Exemplar haben möchte. Man kann es aber auch bei Morawa bestellen, bei Thalia (würde ich allerdings nicht machen, die haben beim Preis ordentlich was draufgeschlagen), auf Amazon, bei der Buchhandlung Neudorfer in Vöcklabruck, überall, wo man Bücher bestellen kann. Es hat eine ISBN, was bedeutet, dass es sich im Verzeichnis lieferbarer Bücher befindet. Die Publikation hat mich wenig gekostet, dennoch freue ich mich über jedes verkaufte Exemplar, da es für mich eine Unterstützung auf meinem literarischen Weg bedeutet. Wer also gerne den „local Underground supportet“, wie es sich so viele großmütig auf ihre vor allem musikalischen Fahnen schreiben, hat hier die Möglichkeit, den literarischen Untergrund zu fördern. Denkt einfach mal darüber nach, wenn ihr das nächste Mal ein Shirt oder eine CD einer unbekannten Band kauft.

Dies ist mein erstes in Buchform erschienenes Werk, und so der Literaturgott will, wird es nicht das Letzte sein.

Mit irgendetwas muss man doch anfangen, nicht?

Ach, und hier noch die Auflösung des „Schas im Wald“- Fotoalbums, wers gesehen hat:

Mein Komplize Roman und ich haben im Wald Fotos gemacht, weil ich einerseits ein ordentliches Autorenfoto brauchte (und der Fotograf meiner Wahl leider indisponiert war), und andererseits ein Bild wollte, das dem Inhalt entspricht. Wir hatten also diverse Stichwaffen dabei und in Ermangelung ordentlicher Fotoausrüstung zwei Tablets, zwei Handies, Zeitdruck und einen Haufen Ideen.

Das hier ist das eigentliche Ergebnis der Wald- Tour:

panzer1

Und hierfür was das andere Foto:

bio

 

Als letzter Punkt in der Tagesordnung ergeht an dieser Stelle Dank an meine einzigen Mitwisser während der Arbeit an diesem Buch, die Förderer, Bachblütentropfeneinflößer und Arschtrittgeber in einem waren: M. und R.

 

 

Der eingetauschte Klositz

Gestern Abend, als wir in gemütlicher Runde zusammengesessen sind und eigentlich über etwas völlig anderes geredet haben, ist mir diese Geschichte wieder eingefallen, und das ist definitiv eine der…

Quelle: Der eingetauschte Klositz

Der eingetauschte Klositz

Gestern Abend, als wir in gemütlicher Runde zusammengesessen sind und eigentlich über etwas völlig anderes geredet haben, ist mir diese Geschichte wieder eingefallen, und das ist definitiv eine der Neueren. Ereignet hat sie sich im Jänner oder Februar diesen Jahres, und dem Ganzen zugrunde liegt ein Umzug.

Als ich nach Wien gezogen bin, habe ich erst für zwei Semester in einem Studentenwohnheim gewohnt, bevor ich in die Wohnung meines Bruders gezogen bin, der nach Bangkok gegangen ist.

Im Endeffekt habe ich aus dieser Kleinfamilienwohnung dann eine WG in diversen Konstellationen gemacht, bevor wir Ende 2015 beschlossen haben, dass es nun endlich an der Zeit wäre, eigene Wege zu gehen und uns von unserer Mietwohnung in der Seegasse im 9. Wiener Gemeindebezirk zu trennen.

Gesagt, getan: Mein Bruder hat Ende 2015 die Wohnung gekündigt, und mit der Bestätigung seiner Kündigung kam eine Checkliste, was alles noch zu tun sei, bevor man die Wohnung besenrein an den Vermieter rückerstattet und damit seine Kaution wieder bekommt.

Jedenfalls stand neben diversen Reinigungs- und Ausbesserungsarbeiten auf dieser Liste auch ein Punkt, der sich für uns als eine bis dato nicht als solche wahrgenommene Hürde darstellen sollte:

„Ein weißer Toilettensitz ist zwingend erforderlich.“

So. Jetzt hatten wir aber keinen weissen Klositz. Es hatte zwar einmal einen weissen Klositz gegeben, der befand sich zu diesem Zeitpunkt aber schon ca. ein ganzes Jahr auf irgendeiner Mülldeponie, da er einen Sprung am Sitzbrett hatte und man sich darob dauernd den Arsch eingezwickt hat. Nach konstantem Wehklagen ob dieser unschönen Tatsache hat mir ein damals netter Mensch einen Klositz geschenkt, Marke „Das Billigste das zu finden war“. Und das war halt ein hellblau- weisser Sitz mit einem einträchtig zusammengekuschelten Pinguin-Pärchen in Lebensgröße auf dem Deckel. Uns war es ja recht wurscht, es ging nur darum, die Mindestanforderung des persönlichen Stuhlgangluxus zu erfüllen, und da ist ein Klositz leider unumgänglich, wenn man nicht mit dem Hinterteil im Inneren des Throns landen will (das hatten wir auch schon. Kinder, spart nie beim Klositz!)

Jedenfalls hatten wir halt den Pinguinklositz und er hat auch gute und vor allem stabile Dienste während seiner einjährigen Schicht am Donnerbalken geleistet, und jetzt auf einmal erfüllte er nicht einmal mehr die Anforderung der Hausverwaltung.

Zugegebenermaßen spielten wir mit dem Gedanken, den Sitz einfach zu belassen, da wir auch sämtliche Lampenschirme an den Decken lassen mussten, da mein Bruder sie offenbar mit einer Mischung aus Superkleber und Baustellenbolzen in guerillamäßiger Heimwerkerarbeit an die Decke getackert hat und sie für Menschen ohne elektrische Grundkenntnisse nur unter Lebensgefahr zu entfernen gewesen wären. Wir haben aber dann beschlossen, das Meiste aus der Kaution rauszuholen, was ging – dennoch sahen wir mit unseren kapitalistischen Kleinhirnen nicht wirklich ein, wieso wir jetzt € 20,- für einen weissen Klositz ausgeben sollten, in dessen Genuss wir ohnehin nicht mehr kommen würden. Nachdem auch sämtliche meiner Freunde keinen weissen Klositz hatten- und ich in meiner neuen Wohnung auch nicht- kam mir schlussendlich eine letzte Idee.

Auf Facebook gibt es eine Gruppe, die sich „share&care“ nennt. Sinn dieser Plattform ist es, nicht mehr benötigte Gegenstände kostenfrei und gegen Abholung loszuwerden beziehungsweise nach etwas zu suchen, das vielleicht jemand anderes rumstehen hat und einem gratis abtreten würde. Nachdem ich über einen längeren Zeitraum schon mehrere Erfahrungen mit Verschenkbarem und Geschenktem gemacht hatte – unter anderem mit jemandem, der ca. 15 Minuten, nachdem ich es gepostet hatte, mit einem Kleintransporter ankam und freudestahlend die Innereien des Badezimmers mitgenommen hat- habe ich mir gedacht, ich könnte doch auf s&c nach einem weissen Klostiz suchen (wenn das jetzt schon jemand für lustig hält: schaut euch die Gruppe selber an. Menschen verschenken im wahrsten Sinne des Wortes Müll und irgendeinen gibt es IMMER, der „ICH BITTE“ schreit. Wobei, mit „bitte“ haben dies dort echt nicht so).

Es gibt jedoch mehrere Regeln auf s&c : Es muss alles völlig kostenlos sein – keine Annahme von Geld, Dienstleistungen aller Art o.Ä. dürfen da besprochen werden. UND: Es darf nichts getauscht werden. Diesen vermaledeiten Scheissdreck hebe ich hier besonders hervor, weil der noch wichtig wird.

Ich umreisse in meinem Post also kurz das Checklistenproblem und formuliere im Zuge dessen mein höfliches Gesuch nach einem weissen Toilettensitz.

Gesuche bei dieser Brüllaffenhorde laufen in 99,9% aller Fälle folgendermaßen ab:

Person A: Ich suche XY, bitte.

10 Personen wollen wissen, wieso das Gesuchte gesucht wird, 8 Personen wissen es ohnehin besser, wieso das Gesuchte eigentlich scheisse ist, 4 Personen diskriminieren Person A wegen ihrer Formlosigkeit, 5 Personen posten irgendwas, das mit dem Gesuch nichts zu tun hat, 13 Personen schildern unaufgefordert ihre Erfahrungen mit dem Gesuchten und 2 sind Veganer und müssen es mitteilen. Haben tut es aber natürlich keiner.

Diesem Schema folgend kamen auch schon die Klugscheisser aus ihren Löchern gekrochen: ich solle doch die Hausverwaltung fragen, wieso die das fordern, das kann doch nicht sein, mimimi, das kann man nicht verlangen, mimimi.

Ich hatte aber auch Glück: die Meisten fanden mein in altbewährter LaGrantig- Manier verfasstes Gesuch so lustig, dass sie schrieben, sie würden sofort mit mir tauschen, aber sie hätten selber Klodeckel mit diversen Motiven, weshalb das Ganze fast in in eine Klositzdesigndiskussion ausartete. Natürlich gehört ein Klositz prinzipiell zu der Sorte Gegenstände, die man eigentlich prima miteinander tauschen kann, da es den meisten Leuten völlig wurscht ist, ob sie mithilfe von Dalis zerflossenen Uhren, auf mundgeblasenem Villeroy und Boch- Porzellan, auf poppenden Karnickeln oder auf dem weissen Kunststoffimitat aus dem Baumarkt ihr Geschäft verrichten.

Bis sich schließlich eine Dame in diesem Beitrag meldete: sie habe einen kleinen Sohn, den sie gerade stubenrein machen möchte; er liebe Pinguine und sie hätte einen weissen Toilettensitz. Sie würde gerne mit mir tauschen, ihr Klositz sei halt auch nicht mehr neu, aber wenn ich ihn nur für die Wohnungsübergabe bräuchte, würde er wohl reichen; sie hätte gerne dafür meinen gegenwärtigen Klositz, da er vielleicht dem Kleinen beim Reinwerden helfe.

Ich kam gar nicht mehr dazu, der lieben Dame zu antworten, denn da wälzte sich schon die s&c- Administratorengestapo über den Horizont, pfiff erbost auf ihrer Bademeistertrillerpfeife und kommentierte mit warnend erhobenem Zeigefinger, dass Tauschgesuche jeder Art ABOLUTESTENS verboten seien und andernfalls mit Gruppenausschluss geahndet werden würden.

Nach dieser Steilvorlage konnte ich aber nun wirklich nicht mehr anders, als einen Kübel Spott und Hohn über diesem als Junghipster getarnten Nachkriegsschrapnell auszuleeren, denn sich wegen eines Klositztausches so zu gebärden, als ginge es um Drogen, Waffen oder Kindesentführung, stand für mich in keiner Relation. Gerade bei einem Klositz, dem Urvater der tauschbaren Objekte, kann man doch wirklich einmal eine Ausnahme machen. Ich tausche hier immerhin nicht ein IPhone gegen eine Fernbedienung.

Da meine Tauschpartnerin nicht anders reagierte als ich, sah sich das Administrationsfossil allerdings bemüßigt, uns beiden eine schriftliche Verwarnung in Form einer privaten Nachricht zukommen zu lassen. Verwarnt wegen Scheisshaussitztauschversuchs! Schreibt das auf meinen Grabstein.

Gekümmert hat uns das freilich recht wenig. Wir haben uns trotzdem getroffen, beim Handelskai, und haben mit Klositzen gedealt wie die Profis, und zwar mit Sonnenbrille, Handschuhen und aufgesetzten Kaputzen, sollte uns jemand von der s&c- Mafia überwachen.

In einer schwarzen Limousine abgeholt und vor den Kapo geführt wurde ich bisher nicht, die nette Dame auch nicht, der Klositz hat gepasst, die Hausverwaltung hatte in dieser Hinsicht nichts zu beanstanden, und von der Gruppe ausgeschlossen wegen Tauschversuchs wurde ich auch nicht. Nicht aus dieser. Nur aus einer Damenhygienegruppe, wegen eines als unpassend aufgefassten Zwischenrufs über Redefreiheit und Geschlechtsverkehr. Das ist aber eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden 🙂

 

 

 

Die Verwechslung.

Heute erzähl ich euch eine Geschichte, die mir recht spontan vor einiger Zeit wieder eingefallen ist. Ich glaube, mich zu erinnern, dass sie 2004 oder 2005 passiert ist; zu diesem Zeitpunkt habe ich noch zuhause gewohnt und bin in Oberösterreich zur Schule gegangen. So unklar ich mich an das Jahr erinnern kann, so deutlich ist mir die Jahreszeit noch vor Augen, da sie essenziell für den Inhalt der Geschichte ist: Es war in der Vorweihnachtszeit.

Doch bevor ich in medias res gehe, muss ich euch noch die Hauptperson dieser Geschichte vorstellen: es handelt sich hierbei um meinen Vater, Leo, der mittlerweile 70 Jahre alt ist.

Der Leo ist prinzipiell ein gemütlicher Zeitgenosse der alten Schule, von dem man so ziemlich alles haben kann, wenn er gut aufgelegt ist. Er hat ein großes Herz für Tiere jeder Art (ausser für Spinnen, aber das gibt er nicht zu. Da ich mich vor den Viechern genauso fürchte, muss die immer die Mama wegmachen), Freunde (seine eigenen und die seiner Kinder) und Leute, die es schlechter haben oder die schwächer sind. Von ihm habe ich mein Gerechtigkeitsempfinden und meine Auffassung von Freundschaft geerbt – allerdings auch meinen Jähzorn, meine Streitlust, mein reichhaltiges obszönes Vokabular und einen großen Teil meiner politischen Einstellung.

Der Leo hat, wie jeder andere Mensch auch, seltsame Marotten. Beispielsweise zieht er so ziemlich zu jeder Jahreszeit die unpassendste Kleidung an. Erst am Wochenende wollte er bei wolkenlosem Sonnenschein und 20 Grad eine Steppjacke anziehen; dafür will er, wenns stürmt und schneit und -20 Grad hat, nicht mal die Jacke zumachen. Und ums Verrecken will er keinen Schal tragen oder die oberen Hemdknöpfe zumachen; eher würde die Hölle zufrieren. Ich muss diesen Kleidungsaspekt erklären, da er einen wesentlichen Bestandteil dieser Geschichte ausmacht.

Dafür hat er ja meine Mutter, die ihn seit 50 Jahren einkleidet und ihm temperaturbedingte Fehlgriffe ausredet. Ganz wichtig ist, dass die Socken zur Hose passen und zu den Schuhen – wohl einer der Gründe, wieso mein renitentes Unterbewusstsein mir suggeriert, dass es völlig in Ordnung ist, unterschiedliche Socken zu tragen, was inzwischen eh jeder von mir weiss.

Wenn der Leo also anziehen könnte, was er wollte, würde er ausschließlich Armeehemden tragen, Cordhosen und festes Schuhwerk (dass mir Armeehemden so gut stehen, das hab ich auch von ihm. Danke Papa!) Meine Mutter hasst seine Armeehemden abgrundtief, weshalb er sie nicht mehr wirklich anzieht.

Es darf allerdings kein Fädchen und kein Haar auf der Kleidung sein, weshalb er mich seit bald 29 Jahren akribisch mit Bürste und Fusselroller verfolgt, was mich nachhaltig traumatisiert hat.

Des Weiteren ist dem Leo Pünktlichkeit sehr wichtig, allerdings legt er diesen Begriff selber recht individuell aus: Pünktlichkeit bedeutet bei ihm, mindestens eine bis zwei Stunden vor einem gesellschaftlichen Großereignis wie Friedhofgehen an Allerheiligen fix und fertig und raunzend im Auto zu sitzen, während die Mama und ich noch nicht mal die Schuhe anhaben.

Jetzt habe ich genug zu der Person erklärt und die eigentliche Geschichte kann endlich beginnen.

 

Jedenfalls sind wir damals vor Weihnachten nach Wels zum Einkaufen gefahren, und dem Ausflug ging wieder eine stundenlange Klamottendiskussion voran, weil der Papa in einem seltenen Anflug von altersstarrsinnsbedingter Rebellion partout nicht anziehen wollte, was die Mama rausgelegt hat, sondern sein Ding durchziehen. Und diesmal hat die Mama aufgegeben, weshalb mein Vater das Haus mit seltsamen Schuhen, einer recht alten Cordhose, einem blauen Pulli, seiner uralten, dunkelgrünen Lieblingsarmeejacke (sperrangelweit offen natürlich) und so einem Fischerhauberl verlassen hat, jener Kopfbedeckung, die sich bei Seebären und Undercoverpolizisten großer Beliebtheit erfreut. Mein Vater ist ein bisschen beleibt und hat einen struppigen, rot- weissen Vollbart, weshalb er einem Hamburger Hafenarbeiter in dieser Montur nicht unähnlich sah.

Wir sind also gefahren, die Mama war beleidigt, der Papa zufrieden und ich auch nicht sonderlich angetan von der herrschenden Grundstimmung, hatte aber zu diesem Zeitpunkt weitaus andere Sorgen, als mir über den Kleidungsstil meines Vaters den Schädel zu zerbrechen.

Nach getanener Arbeit (einkaufen) sind wir schließlich zurück zum Bahnhof gegangen und haben dort zum Zwecke des Aufwärmens in der Halle gestanden.

Irgendwann nähert sich ein obdachloser Zeitungsverkäufer meinem Vater und fragt ihn, ob er ihm eine Zeitung abnehmen will. Was meine Mutter und mich schon zu Beginn dieser Konversation ein bisschen stutzig gemacht hat, war, dass der Zeitungsverkäufer meinen Vater mit „He, servas!“ begrüßt hat, und zwar in der Tonlage, wie man sie benutzt, wenn man jemanden schon lange nicht mehr gesehen hat und erfreut-erstaunt ist, der Person spontan zu begegnen.

Mein Vater, die gute Haut, steht da mit seiner Jacke und seinem Fischerhauberl und ratscht mit dem Zeitungsverkäufer, als würden sie sich schon ewig kennen. Beziehungsweise, der Zeitungsverkäufer hat geratscht und mein Vater hat „Ja“ und „Genau“ gesagt, und irgendwie hat man ihm auch angesehen, dass ihm inzwischen immer klarer wird, wahrscheinlich einer Verwechslung aufzusitzen. Den Inhalt des Gesprächs konnten wir leider nicht genau hören, weil wir, mittlerweile schon recht breit grinsend, ein bisschen abseits gestanden sind.

Irgendwann hat der Zeitungsverkäufer wohl genug dialogisiert und zu meinem Vater gesagt:

„Kumst eh auch zur Weihnachtsfeier in da Gruft?“

Meine Mutter und ich lachen laut los, und mein Vater, der so überrumpelt war, dass ihn ein Obdachloser offenbar für einen Kollegen hält, sagt einfach beinhart „Ja, sicher“ drauf, kauft eine Zeitung, verabschiedet sich mit Handschlag von dem Zeitungsverkäufer und geht.

 

Wir müssen heute noch darüber lachen. Jedenfalls hat mein Vater diese Klamottenkombination später nie wieder angezogen 🙂

 

 

Der nackte Asiate.

So, nachdem ich nun meinen letzten Urlaub für dieses Jahr angetreten habe- und es zwischenmenschlich und gesundheitlich besser zu laufen scheint als vor einem Jahr- widme ich mich wieder einmal der Schreiberei; ausserdem ist mir eine Geschichte wieder eingefallen, die ich euch noch unbedingt erzählen muss.

Diese Geschichte hier habe ich ausnahmsweise nicht selbst erlebt, sondern war quasi davor und danach dabei und hatte Einsicht in den Schriftverkehr, da der Vorfall protokolliert werden musste. Erlebt hat sie in ihrer erschreckenden Gesamtheit nur der Nachtportier in dem Hotel, in dem ich vor zwei Jahren gearbeitet habe.

Im Hotel sind ja eine Menge Sachen passiert, die normale Menschen entweder nicht zu Gesicht bekommen, oder die ihnen niemand glaubt, wenn sie es einem erzählen. Diese Anekdote gehört definitv zu den Schrägsten, die ich dort erlebt habe. Ich habe sie in der Gruppe wahrscheinlich schon ein paar Mal erzählt, aber schriftlich festgehalten wird sie jetzt zum ersten Mal. Viel Freude.

 

Was ich noch weiss ist, dass Hochsommer war, und ich mit M. Frühdienst hatte. Das Frühstücksbuffet hatte ab sieben geöffnet, aber noch war es verhältnismäßig ruhig. Irgendwann kam ein pummeliger Herr asiatischer Abstammung, mittleren Alters in den Frühstücksbereich, hat uns recht freundlich gegrüßt und sich anschließend an einen Tisch gesetzt, auf dem für vier Personen eingedeckt war. Er ging ans Buffet und lud sich allerhand auf seinen Teller, was für uns noch keinen ungewöhnlichen Anschein hatte. M. ist mit einer großen Kaffeekanne an seinen Tisch getreten und hat ihn gefragt, ob er Kaffee möchte. Er nickt und grinst immer noch sein festgedübeltes Freundliche- Asiaten-Grinsen. Sie schenkt ihm also eine Tasse ein und will weggehen, er hält sie zurück und deutet auf die anderen drei Tassen, die auf dem Tisch stehen. Auch hierbei haben wir uns noch nichts gedacht, da ja manche Frühaufsteher bereits Kaffee für ihre Mitreisenden bestellen. M. teilt also den Kaffee auf die restlichen Tassen auf und kommt zu mir zurück. Währenddessen ist der Herr wieder ans Buffet getreten und häuft einen zweiten Teller auf, den er wegträgt. Dasselbe macht er mit einem dritten und einem vierten Teller. Wir denken, dass der Herr aber gut zu wissen scheint, was seine Begleiter essen wollen, und kümmern uns nicht weiter. Währenddessen kommen mehr Leute, und wir haben gut zu tun.

Als ich dann in der Küche stehe und dreckiges Geschirr wegräume, kommt M. rein und raunzt: „Jetzt stehen die Teller immer noch bei dem auf dem Tisch und da ist keiner! Madonna, Madonna, der redet mit sich selber! “ Ich gehe also raus und nehme die Gesamtsituation in Augenschein, und tatsächlich:

Der Herr frühstückt. Isst, trinkt, und redet. Laut. Nur sitzt an diesem Tisch niemand sonst. Drei volle Kaffeetassen, drei gehäufte, unberührte Teller stehen um ihn herum, und er redet offensichtlich mit jemandem, den wir nicht sehen. Ich schau mir das unauffällig ein bisschen länger an und gehe dann relativ ratlos zurück in die Küche. M. hat den Gast, in ihrer nonchalanten kroatisch- italienischen Art, bereits als Einer-siamesischen-Baumgartner-Höhe-Entflohenen kategorisiert und lacht. Für sie ist der Anblick seltsamer Gäste einen Tick alltäglicher als es für mich damals war – ich war noch nicht lange dabei und wusste noch nichts über die diversen Ausfälle von Hotelgästen.

Jedenfalls ging der irgendwann, und wir servierten die Teller exakt so ab, wie er sie angehäuft hatte. Schüttelten noch ein bisschen unsere vor Stress ergrauten Häupter und wandten uns dann wieder den alltäglichen Problemen zu, vor denen wir so standen; beispielsweise dem Entstopfen der Fischkühlung am Buffet, wobei man bis zu den Schultern in schmelzendem Eis und Fischresten steckte und mit einer Gabel so lange im Ausguss herumpulen musste, bis man den Hektor benutzen konnte, was im Endeffekt eine noch größere Sauerei verursacht hat; oder dem Befreien der Chevingtische von Rühreiresten, die verkrustet und eingebrannt aus einem unerfindlichen Grund in jeder depperten Ritze des geschissenen Deckels pickten und man sich beim Entfernen ohne Fetzen die Fingerkuppen aufgeschnitten hat.

Jedenfalls haben wir unsere asiatische Grinsekatze an diesem Tag nicht wieder gesehen; erst am nächsten Tag wieder, und da war er gar nicht mehr freundlich grinsend, sondern saß wortkarg, zusammengesunken und seufzend am Frühstückstisch. Was in der vorangehenden Nacht passiert war, wussten wir zu dem Zeitpunkt schon, weil Andy in der Früh relativ derangiert aussah und für seine ansonsten zur Schau gestellte Alles-ist-cool-Mentalität relativ aufgelöst war.

Unser Nachtportier, ein Taiwanese, der der fixen Ansicht war, kein Europäer könne seinen Namen richtig aussprechen, weshalb er sich der Einfachheit halber einfach Andy nannte, trat irgendwann gegen 22:00 Uhr seinen Dienst an.

Die Nachtportiere sind von zehn bis halb sieben Uhr früh da und ihre Hauptaufgabe besteht darin, bei Nacht Ankommende einzuchecken, Parkplatzprobleme zu lösen, die Polizei zu rufen, Besoffene auf ihre Zimmer zu bringen und sonst Filme auf dem Laptop zu schauen und nicht einzuschlafen, bis der Frühdienst von Service und Front Office kommt.

Andy hatte bis ca. zwei Uhr früh eine ruhige Nacht und seine anstehende Arbeit soweit schon erledigt, dass er sich ins Backoffice zurückzog, von dem aus man trotzdem den Eingangsbereich ganz gut im Blick hatte, und Film schaute. Irgendwann hörte er offenbar das „Ping“ des im Erdgeschoss eintreffenden Aufzugs. Er schaute raus, die Aufzugtür ging auf, aber es stieg niemand aus. Da unser Andy ohnehin nur selten aus der Ruhe zu bringen war, dachte er sich nichts dabei und der Aufzug fuhr wieder hoch. Als der Aufzug ein zweites Mal im Erdgeschoss eintraf und wieder „Ping“ machte, ging Andy raus an die Rezeption. Von dort aus sah man zwar, wenn sich die Lifttür öffnete, stand aber in einem Winkel, der es nicht zuließ, in den Lift hineinzuschauen. Andy glaubte langsam an eine Liftstörung, dachte sich zwar IMMER noch nichts, blieb aber an der Rezeption stehen, und erneut fuhr der Lift wieder ab.

Beim dritten „Ping“ ging Andy zum Lift. Und dort stand, in einer Ecke und grinsend wie eh und je, der Asiate vom Frühstück. Und zwar splitterfasernackt, wie Buddha ihn schuf, mit der Unterhose an einem Knöchel baumelnd. Ich wüsste zwar in der Theorie, dass man da professionell bleiben muss, wenn ein Nackerter im Aufzug steht und einen angrinst, aber was ich tatsächlich gesagt oder getan hätte, weiss ich wirklich nicht.

Andy dürfte ihn jedenfalls gefragt haben, ob eh alles okay sei, und hat ihn anschließend noch komplett pokerfaced darauf hingewiesen, dass er keine Kleidung am Leibe trägt. Der Asiate nickt und grinst, und da er des Englischen offenbar auch nur peripher mächtig war, hat Andy erst nach und nach herausgekriegt, dass der Kollege sich einerseits offenbar aus seinem Zimmer ausgesperrt hat und andererseits die Toilette sucht, da sein Zimmer keine hätte (was nicht stimmt). Andy holt also, noch recht mäßig aufgeregt, die Zentralkarte, fährt den Herren in sein Stockwerk, bringt ihn zu seinem Zimmer und lässt ihn ein, um ihm anschließend sein Klo zu zeigen.

Andy fährt zurück zur Rezeption und denkt, er hätte in seinem jungen Leben jetzt wirklich schon alles gesehen und erlebt, und dass er jetzt in Frieden abtreten könnte und er trotzdem zumindest EINE erzählenswerte Geschichte erlebt hätte.

Zumindest eine gute halbe Stunde lang, denn dann läutete das Telefon an der Rezeption. Unsere Durchwahlen sind alle eingespeichert, und man kann erkennen, wenn ein Gast von einem Zimmertelefon aus anruft. Diesmal handelte es sich aber um die Durchwahl des Telefons im Personaltrakt im Keller. Das war ein ewig langer Gang; dort befanden sich unsere Umkleiden, Personaltoiletten, der Kühlraum, das Getränkelager und das Wäschelager. Die Wäsche wurde von einer externen Firma geholt, gewaschen und nachts oder am frühen Morgen wieder angeliefert, wobei die Lieferanten den separaten Lieferanteneingang benützten und mit dem Lieferantenlift nach unten fuhren. Es fährt prinzipiell aber auch der Gästelift in den Keller, da sich unten die Hotelgarage befindet, und wenn man zwei Mal falsch abbiegt steht man auch im Personalkorridor, was aber eigentlich nie vorkommt. Jedenfalls ist dieser Trakt des Hauses nur für Personal und Lieferanten gedacht.

Andy steht also oben vor dem klingelnden Telefon und wundert sich, wieso von da unten jemand anruft. Er hebt also ab und muss folgenden Dialog führen:

„Rezeption, guten Abend?“

„KOLLEGA!“

„Wer spricht da, bitte?“

„KOLLEGA!“

„Wer sind Sie?“

„Bin Fahrer von CWS, Kollega, bring ich Wäsche! Aber du hast Problem.“

„Was hab ich für ein Problem? Warum rufen Sie mich an?!“

„Kollega, komm ich runter mit Wäschewagen, rennt einer herum. Hat nix Gewand an! Völlig ohne alles!“

„WAS?“

„Ja Kollega, echt! Musst du fangen kommen, er nix Sprache! Is kaputt in Kopf!“

Andy drischt das Telefon hin und rennt in den Keller runter, wo ihn der schallend lachende CWS- Fahrer erwartet, der sein Leben nicht mehr packt und auf den Aufenthaltsraum deutet, der nicht abgesperrt ist. Da drinnen steht der Asiate, hält sich immerhin jetzt beide Hände vor sein nacktes Gemächt und grinst und nickt.

Andy hat endgültig genug gesehen für diese Nacht, nimmt den Asiaten am Arm und schleift ihn leise zeternd in den Lift. Als wäre das nicht alles gewesen, pinkelt ihm der Asiate auch noch in den Aufzug, und zwar auf seine in selbigem abgelegte Untergatte.

Andy schaufelt den Asiaten jetzt schon relativ genervt in sein Zimmer, wischt das Pipi auf, hockt sich an den Haupttresen und wartet die restliche Nacht mit verschränkten Armen auf einen erneuten Ausbruch unseres Freikörperkulturfreundes, der offenbar spezielle Bedürfnisse zu haben scheint, es aber verabsäumt hat, diese beim Check-In bekannt zu geben. Wie auch immer, da eine „Sachbeschädigung“ durch Wildpinkeln im Aufzug vorliegt, muss Andy den Vorfall wegen etwaiger Reinigungskosten protokollieren und schickt deshalb ein Mail an alle Abteilungsleiter. Mit empörten Rechtschreibfehlern, größtenteils in Großbuchstaben und mit einer überdurchschnittlich hohen Anzahl an Ausrufezeichen nach dem Wort „NACKT“.

Die angepinkelte Unterbuchse hatte er auch noch, á la „Nimm ein Sackerl für mein Gackerl“ luftdicht in ein Plastiksackerl verpackt, neben sich liegen, als die Rezeptionistin am Morgen eintraf.

Die wiederum hatte dann die undankbare Aufgabe, dem Herrn, als er, völlig normal und im augenscheinlich zurückgewonnenen Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, zum Frühstück schreiten wollte, seine Untergatte und einen Beleg über die Reinigungspauschale von € 50 zu überreichen. Wir haben uns so unauffällig wie möglich (was im Normalfall eine noch gesteigerte Form von „extrem auffällig“ bedeutet hat) um den Rezeptionsbereich verteilt und emsig nicht vorhandenen Staub gewischt und Stühle geradegerückt, um V. beim Walten ihres Amtes beizuwohnen.

Erst hat der Herr gegrinst und gesagt, dies sei gewiss nicht sein Beinkleid. Dann hat ihn V., völlig Herrin ihrer Mimik und Profi von der Pike auf, mit den Vorfällen der letzten Nacht konfrontiert, die er erst nur zaghaft und dann gar nicht mehr geleugnet hat. Er hat einen Sermon losgelassen, der dem eines indischen Klageweibes bei der Ganges- Bestattung um nichts nachstand. Sorry oh sorry I don’t know sorry sorry, und so weiter. Und das alles in unfassbarer Lautstärke. Irgendwann hat sich herauskristallisiert, dass der Herr offenbar etwas Drogenähnliches konsumiert und die sich in der Dosis verschätzt haben dürfte – was genau war, ging aus dem Klagelied auch für V. nicht wirklich hervor. Er hat die Pauschale dann bezahlt (die natürlich der Andy für seine demnächst ins Haus stehende Traumatherapie bekommen hat) und ist am selben Tag noch abgereist.

Wir haben uns wochenlang über diese Geschichte kaputtgelacht.

 

 

 

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