So, nachdem ich nun meinen letzten Urlaub für dieses Jahr angetreten habe- und es zwischenmenschlich und gesundheitlich besser zu laufen scheint als vor einem Jahr- widme ich mich wieder einmal der Schreiberei; ausserdem ist mir eine Geschichte wieder eingefallen, die ich euch noch unbedingt erzählen muss.

Diese Geschichte hier habe ich ausnahmsweise nicht selbst erlebt, sondern war quasi davor und danach dabei und hatte Einsicht in den Schriftverkehr, da der Vorfall protokolliert werden musste. Erlebt hat sie in ihrer erschreckenden Gesamtheit nur der Nachtportier in dem Hotel, in dem ich vor zwei Jahren gearbeitet habe.

Im Hotel sind ja eine Menge Sachen passiert, die normale Menschen entweder nicht zu Gesicht bekommen, oder die ihnen niemand glaubt, wenn sie es einem erzählen. Diese Anekdote gehört definitv zu den Schrägsten, die ich dort erlebt habe. Ich habe sie in der Gruppe wahrscheinlich schon ein paar Mal erzählt, aber schriftlich festgehalten wird sie jetzt zum ersten Mal. Viel Freude.

 

Was ich noch weiss ist, dass Hochsommer war, und ich mit M. Frühdienst hatte. Das Frühstücksbuffet hatte ab sieben geöffnet, aber noch war es verhältnismäßig ruhig. Irgendwann kam ein pummeliger Herr asiatischer Abstammung, mittleren Alters in den Frühstücksbereich, hat uns recht freundlich gegrüßt und sich anschließend an einen Tisch gesetzt, auf dem für vier Personen eingedeckt war. Er ging ans Buffet und lud sich allerhand auf seinen Teller, was für uns noch keinen ungewöhnlichen Anschein hatte. M. ist mit einer großen Kaffeekanne an seinen Tisch getreten und hat ihn gefragt, ob er Kaffee möchte. Er nickt und grinst immer noch sein festgedübeltes Freundliche- Asiaten-Grinsen. Sie schenkt ihm also eine Tasse ein und will weggehen, er hält sie zurück und deutet auf die anderen drei Tassen, die auf dem Tisch stehen. Auch hierbei haben wir uns noch nichts gedacht, da ja manche Frühaufsteher bereits Kaffee für ihre Mitreisenden bestellen. M. teilt also den Kaffee auf die restlichen Tassen auf und kommt zu mir zurück. Währenddessen ist der Herr wieder ans Buffet getreten und häuft einen zweiten Teller auf, den er wegträgt. Dasselbe macht er mit einem dritten und einem vierten Teller. Wir denken, dass der Herr aber gut zu wissen scheint, was seine Begleiter essen wollen, und kümmern uns nicht weiter. Währenddessen kommen mehr Leute, und wir haben gut zu tun.

Als ich dann in der Küche stehe und dreckiges Geschirr wegräume, kommt M. rein und raunzt: „Jetzt stehen die Teller immer noch bei dem auf dem Tisch und da ist keiner! Madonna, Madonna, der redet mit sich selber! “ Ich gehe also raus und nehme die Gesamtsituation in Augenschein, und tatsächlich:

Der Herr frühstückt. Isst, trinkt, und redet. Laut. Nur sitzt an diesem Tisch niemand sonst. Drei volle Kaffeetassen, drei gehäufte, unberührte Teller stehen um ihn herum, und er redet offensichtlich mit jemandem, den wir nicht sehen. Ich schau mir das unauffällig ein bisschen länger an und gehe dann relativ ratlos zurück in die Küche. M. hat den Gast, in ihrer nonchalanten kroatisch- italienischen Art, bereits als Einer-siamesischen-Baumgartner-Höhe-Entflohenen kategorisiert und lacht. Für sie ist der Anblick seltsamer Gäste einen Tick alltäglicher als es für mich damals war – ich war noch nicht lange dabei und wusste noch nichts über die diversen Ausfälle von Hotelgästen.

Jedenfalls ging der irgendwann, und wir servierten die Teller exakt so ab, wie er sie angehäuft hatte. Schüttelten noch ein bisschen unsere vor Stress ergrauten Häupter und wandten uns dann wieder den alltäglichen Problemen zu, vor denen wir so standen; beispielsweise dem Entstopfen der Fischkühlung am Buffet, wobei man bis zu den Schultern in schmelzendem Eis und Fischresten steckte und mit einer Gabel so lange im Ausguss herumpulen musste, bis man den Hektor benutzen konnte, was im Endeffekt eine noch größere Sauerei verursacht hat; oder dem Befreien der Chevingtische von Rühreiresten, die verkrustet und eingebrannt aus einem unerfindlichen Grund in jeder depperten Ritze des geschissenen Deckels pickten und man sich beim Entfernen ohne Fetzen die Fingerkuppen aufgeschnitten hat.

Jedenfalls haben wir unsere asiatische Grinsekatze an diesem Tag nicht wieder gesehen; erst am nächsten Tag wieder, und da war er gar nicht mehr freundlich grinsend, sondern saß wortkarg, zusammengesunken und seufzend am Frühstückstisch. Was in der vorangehenden Nacht passiert war, wussten wir zu dem Zeitpunkt schon, weil Andy in der Früh relativ derangiert aussah und für seine ansonsten zur Schau gestellte Alles-ist-cool-Mentalität relativ aufgelöst war.

Unser Nachtportier, ein Taiwanese, der der fixen Ansicht war, kein Europäer könne seinen Namen richtig aussprechen, weshalb er sich der Einfachheit halber einfach Andy nannte, trat irgendwann gegen 22:00 Uhr seinen Dienst an.

Die Nachtportiere sind von zehn bis halb sieben Uhr früh da und ihre Hauptaufgabe besteht darin, bei Nacht Ankommende einzuchecken, Parkplatzprobleme zu lösen, die Polizei zu rufen, Besoffene auf ihre Zimmer zu bringen und sonst Filme auf dem Laptop zu schauen und nicht einzuschlafen, bis der Frühdienst von Service und Front Office kommt.

Andy hatte bis ca. zwei Uhr früh eine ruhige Nacht und seine anstehende Arbeit soweit schon erledigt, dass er sich ins Backoffice zurückzog, von dem aus man trotzdem den Eingangsbereich ganz gut im Blick hatte, und Film schaute. Irgendwann hörte er offenbar das „Ping“ des im Erdgeschoss eintreffenden Aufzugs. Er schaute raus, die Aufzugtür ging auf, aber es stieg niemand aus. Da unser Andy ohnehin nur selten aus der Ruhe zu bringen war, dachte er sich nichts dabei und der Aufzug fuhr wieder hoch. Als der Aufzug ein zweites Mal im Erdgeschoss eintraf und wieder „Ping“ machte, ging Andy raus an die Rezeption. Von dort aus sah man zwar, wenn sich die Lifttür öffnete, stand aber in einem Winkel, der es nicht zuließ, in den Lift hineinzuschauen. Andy glaubte langsam an eine Liftstörung, dachte sich zwar IMMER noch nichts, blieb aber an der Rezeption stehen, und erneut fuhr der Lift wieder ab.

Beim dritten „Ping“ ging Andy zum Lift. Und dort stand, in einer Ecke und grinsend wie eh und je, der Asiate vom Frühstück. Und zwar splitterfasernackt, wie Buddha ihn schuf, mit der Unterhose an einem Knöchel baumelnd. Ich wüsste zwar in der Theorie, dass man da professionell bleiben muss, wenn ein Nackerter im Aufzug steht und einen angrinst, aber was ich tatsächlich gesagt oder getan hätte, weiss ich wirklich nicht.

Andy dürfte ihn jedenfalls gefragt haben, ob eh alles okay sei, und hat ihn anschließend noch komplett pokerfaced darauf hingewiesen, dass er keine Kleidung am Leibe trägt. Der Asiate nickt und grinst, und da er des Englischen offenbar auch nur peripher mächtig war, hat Andy erst nach und nach herausgekriegt, dass der Kollege sich einerseits offenbar aus seinem Zimmer ausgesperrt hat und andererseits die Toilette sucht, da sein Zimmer keine hätte (was nicht stimmt). Andy holt also, noch recht mäßig aufgeregt, die Zentralkarte, fährt den Herren in sein Stockwerk, bringt ihn zu seinem Zimmer und lässt ihn ein, um ihm anschließend sein Klo zu zeigen.

Andy fährt zurück zur Rezeption und denkt, er hätte in seinem jungen Leben jetzt wirklich schon alles gesehen und erlebt, und dass er jetzt in Frieden abtreten könnte und er trotzdem zumindest EINE erzählenswerte Geschichte erlebt hätte.

Zumindest eine gute halbe Stunde lang, denn dann läutete das Telefon an der Rezeption. Unsere Durchwahlen sind alle eingespeichert, und man kann erkennen, wenn ein Gast von einem Zimmertelefon aus anruft. Diesmal handelte es sich aber um die Durchwahl des Telefons im Personaltrakt im Keller. Das war ein ewig langer Gang; dort befanden sich unsere Umkleiden, Personaltoiletten, der Kühlraum, das Getränkelager und das Wäschelager. Die Wäsche wurde von einer externen Firma geholt, gewaschen und nachts oder am frühen Morgen wieder angeliefert, wobei die Lieferanten den separaten Lieferanteneingang benützten und mit dem Lieferantenlift nach unten fuhren. Es fährt prinzipiell aber auch der Gästelift in den Keller, da sich unten die Hotelgarage befindet, und wenn man zwei Mal falsch abbiegt steht man auch im Personalkorridor, was aber eigentlich nie vorkommt. Jedenfalls ist dieser Trakt des Hauses nur für Personal und Lieferanten gedacht.

Andy steht also oben vor dem klingelnden Telefon und wundert sich, wieso von da unten jemand anruft. Er hebt also ab und muss folgenden Dialog führen:

„Rezeption, guten Abend?“

„KOLLEGA!“

„Wer spricht da, bitte?“

„KOLLEGA!“

„Wer sind Sie?“

„Bin Fahrer von CWS, Kollega, bring ich Wäsche! Aber du hast Problem.“

„Was hab ich für ein Problem? Warum rufen Sie mich an?!“

„Kollega, komm ich runter mit Wäschewagen, rennt einer herum. Hat nix Gewand an! Völlig ohne alles!“

„WAS?“

„Ja Kollega, echt! Musst du fangen kommen, er nix Sprache! Is kaputt in Kopf!“

Andy drischt das Telefon hin und rennt in den Keller runter, wo ihn der schallend lachende CWS- Fahrer erwartet, der sein Leben nicht mehr packt und auf den Aufenthaltsraum deutet, der nicht abgesperrt ist. Da drinnen steht der Asiate, hält sich immerhin jetzt beide Hände vor sein nacktes Gemächt und grinst und nickt.

Andy hat endgültig genug gesehen für diese Nacht, nimmt den Asiaten am Arm und schleift ihn leise zeternd in den Lift. Als wäre das nicht alles gewesen, pinkelt ihm der Asiate auch noch in den Aufzug, und zwar auf seine in selbigem abgelegte Untergatte.

Andy schaufelt den Asiaten jetzt schon relativ genervt in sein Zimmer, wischt das Pipi auf, hockt sich an den Haupttresen und wartet die restliche Nacht mit verschränkten Armen auf einen erneuten Ausbruch unseres Freikörperkulturfreundes, der offenbar spezielle Bedürfnisse zu haben scheint, es aber verabsäumt hat, diese beim Check-In bekannt zu geben. Wie auch immer, da eine „Sachbeschädigung“ durch Wildpinkeln im Aufzug vorliegt, muss Andy den Vorfall wegen etwaiger Reinigungskosten protokollieren und schickt deshalb ein Mail an alle Abteilungsleiter. Mit empörten Rechtschreibfehlern, größtenteils in Großbuchstaben und mit einer überdurchschnittlich hohen Anzahl an Ausrufezeichen nach dem Wort „NACKT“.

Die angepinkelte Unterbuchse hatte er auch noch, á la „Nimm ein Sackerl für mein Gackerl“ luftdicht in ein Plastiksackerl verpackt, neben sich liegen, als die Rezeptionistin am Morgen eintraf.

Die wiederum hatte dann die undankbare Aufgabe, dem Herrn, als er, völlig normal und im augenscheinlich zurückgewonnenen Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, zum Frühstück schreiten wollte, seine Untergatte und einen Beleg über die Reinigungspauschale von € 50 zu überreichen. Wir haben uns so unauffällig wie möglich (was im Normalfall eine noch gesteigerte Form von „extrem auffällig“ bedeutet hat) um den Rezeptionsbereich verteilt und emsig nicht vorhandenen Staub gewischt und Stühle geradegerückt, um V. beim Walten ihres Amtes beizuwohnen.

Erst hat der Herr gegrinst und gesagt, dies sei gewiss nicht sein Beinkleid. Dann hat ihn V., völlig Herrin ihrer Mimik und Profi von der Pike auf, mit den Vorfällen der letzten Nacht konfrontiert, die er erst nur zaghaft und dann gar nicht mehr geleugnet hat. Er hat einen Sermon losgelassen, der dem eines indischen Klageweibes bei der Ganges- Bestattung um nichts nachstand. Sorry oh sorry I don’t know sorry sorry, und so weiter. Und das alles in unfassbarer Lautstärke. Irgendwann hat sich herauskristallisiert, dass der Herr offenbar etwas Drogenähnliches konsumiert und die sich in der Dosis verschätzt haben dürfte – was genau war, ging aus dem Klagelied auch für V. nicht wirklich hervor. Er hat die Pauschale dann bezahlt (die natürlich der Andy für seine demnächst ins Haus stehende Traumatherapie bekommen hat) und ist am selben Tag noch abgereist.

Wir haben uns wochenlang über diese Geschichte kaputtgelacht.

 

 

 

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