Gestern Abend, als wir in gemütlicher Runde zusammengesessen sind und eigentlich über etwas völlig anderes geredet haben, ist mir diese Geschichte wieder eingefallen, und das ist definitiv eine der Neueren. Ereignet hat sie sich im Jänner oder Februar diesen Jahres, und dem Ganzen zugrunde liegt ein Umzug.

Als ich nach Wien gezogen bin, habe ich erst für zwei Semester in einem Studentenwohnheim gewohnt, bevor ich in die Wohnung meines Bruders gezogen bin, der nach Bangkok gegangen ist.

Im Endeffekt habe ich aus dieser Kleinfamilienwohnung dann eine WG in diversen Konstellationen gemacht, bevor wir Ende 2015 beschlossen haben, dass es nun endlich an der Zeit wäre, eigene Wege zu gehen und uns von unserer Mietwohnung in der Seegasse im 9. Wiener Gemeindebezirk zu trennen.

Gesagt, getan: Mein Bruder hat Ende 2015 die Wohnung gekündigt, und mit der Bestätigung seiner Kündigung kam eine Checkliste, was alles noch zu tun sei, bevor man die Wohnung besenrein an den Vermieter rückerstattet und damit seine Kaution wieder bekommt.

Jedenfalls stand neben diversen Reinigungs- und Ausbesserungsarbeiten auf dieser Liste auch ein Punkt, der sich für uns als eine bis dato nicht als solche wahrgenommene Hürde darstellen sollte:

„Ein weißer Toilettensitz ist zwingend erforderlich.“

So. Jetzt hatten wir aber keinen weissen Klositz. Es hatte zwar einmal einen weissen Klositz gegeben, der befand sich zu diesem Zeitpunkt aber schon ca. ein ganzes Jahr auf irgendeiner Mülldeponie, da er einen Sprung am Sitzbrett hatte und man sich darob dauernd den Arsch eingezwickt hat. Nach konstantem Wehklagen ob dieser unschönen Tatsache hat mir ein damals netter Mensch einen Klositz geschenkt, Marke „Das Billigste das zu finden war“. Und das war halt ein hellblau- weisser Sitz mit einem einträchtig zusammengekuschelten Pinguin-Pärchen in Lebensgröße auf dem Deckel. Uns war es ja recht wurscht, es ging nur darum, die Mindestanforderung des persönlichen Stuhlgangluxus zu erfüllen, und da ist ein Klositz leider unumgänglich, wenn man nicht mit dem Hinterteil im Inneren des Throns landen will (das hatten wir auch schon. Kinder, spart nie beim Klositz!)

Jedenfalls hatten wir halt den Pinguinklositz und er hat auch gute und vor allem stabile Dienste während seiner einjährigen Schicht am Donnerbalken geleistet, und jetzt auf einmal erfüllte er nicht einmal mehr die Anforderung der Hausverwaltung.

Zugegebenermaßen spielten wir mit dem Gedanken, den Sitz einfach zu belassen, da wir auch sämtliche Lampenschirme an den Decken lassen mussten, da mein Bruder sie offenbar mit einer Mischung aus Superkleber und Baustellenbolzen in guerillamäßiger Heimwerkerarbeit an die Decke getackert hat und sie für Menschen ohne elektrische Grundkenntnisse nur unter Lebensgefahr zu entfernen gewesen wären. Wir haben aber dann beschlossen, das Meiste aus der Kaution rauszuholen, was ging – dennoch sahen wir mit unseren kapitalistischen Kleinhirnen nicht wirklich ein, wieso wir jetzt € 20,- für einen weissen Klositz ausgeben sollten, in dessen Genuss wir ohnehin nicht mehr kommen würden. Nachdem auch sämtliche meiner Freunde keinen weissen Klositz hatten- und ich in meiner neuen Wohnung auch nicht- kam mir schlussendlich eine letzte Idee.

Auf Facebook gibt es eine Gruppe, die sich „share&care“ nennt. Sinn dieser Plattform ist es, nicht mehr benötigte Gegenstände kostenfrei und gegen Abholung loszuwerden beziehungsweise nach etwas zu suchen, das vielleicht jemand anderes rumstehen hat und einem gratis abtreten würde. Nachdem ich über einen längeren Zeitraum schon mehrere Erfahrungen mit Verschenkbarem und Geschenktem gemacht hatte – unter anderem mit jemandem, der ca. 15 Minuten, nachdem ich es gepostet hatte, mit einem Kleintransporter ankam und freudestahlend die Innereien des Badezimmers mitgenommen hat- habe ich mir gedacht, ich könnte doch auf s&c nach einem weissen Klostiz suchen (wenn das jetzt schon jemand für lustig hält: schaut euch die Gruppe selber an. Menschen verschenken im wahrsten Sinne des Wortes Müll und irgendeinen gibt es IMMER, der „ICH BITTE“ schreit. Wobei, mit „bitte“ haben dies dort echt nicht so).

Es gibt jedoch mehrere Regeln auf s&c : Es muss alles völlig kostenlos sein – keine Annahme von Geld, Dienstleistungen aller Art o.Ä. dürfen da besprochen werden. UND: Es darf nichts getauscht werden. Diesen vermaledeiten Scheissdreck hebe ich hier besonders hervor, weil der noch wichtig wird.

Ich umreisse in meinem Post also kurz das Checklistenproblem und formuliere im Zuge dessen mein höfliches Gesuch nach einem weissen Toilettensitz.

Gesuche bei dieser Brüllaffenhorde laufen in 99,9% aller Fälle folgendermaßen ab:

Person A: Ich suche XY, bitte.

10 Personen wollen wissen, wieso das Gesuchte gesucht wird, 8 Personen wissen es ohnehin besser, wieso das Gesuchte eigentlich scheisse ist, 4 Personen diskriminieren Person A wegen ihrer Formlosigkeit, 5 Personen posten irgendwas, das mit dem Gesuch nichts zu tun hat, 13 Personen schildern unaufgefordert ihre Erfahrungen mit dem Gesuchten und 2 sind Veganer und müssen es mitteilen. Haben tut es aber natürlich keiner.

Diesem Schema folgend kamen auch schon die Klugscheisser aus ihren Löchern gekrochen: ich solle doch die Hausverwaltung fragen, wieso die das fordern, das kann doch nicht sein, mimimi, das kann man nicht verlangen, mimimi.

Ich hatte aber auch Glück: die Meisten fanden mein in altbewährter LaGrantig- Manier verfasstes Gesuch so lustig, dass sie schrieben, sie würden sofort mit mir tauschen, aber sie hätten selber Klodeckel mit diversen Motiven, weshalb das Ganze fast in in eine Klositzdesigndiskussion ausartete. Natürlich gehört ein Klositz prinzipiell zu der Sorte Gegenstände, die man eigentlich prima miteinander tauschen kann, da es den meisten Leuten völlig wurscht ist, ob sie mithilfe von Dalis zerflossenen Uhren, auf mundgeblasenem Villeroy und Boch- Porzellan, auf poppenden Karnickeln oder auf dem weissen Kunststoffimitat aus dem Baumarkt ihr Geschäft verrichten.

Bis sich schließlich eine Dame in diesem Beitrag meldete: sie habe einen kleinen Sohn, den sie gerade stubenrein machen möchte; er liebe Pinguine und sie hätte einen weissen Toilettensitz. Sie würde gerne mit mir tauschen, ihr Klositz sei halt auch nicht mehr neu, aber wenn ich ihn nur für die Wohnungsübergabe bräuchte, würde er wohl reichen; sie hätte gerne dafür meinen gegenwärtigen Klositz, da er vielleicht dem Kleinen beim Reinwerden helfe.

Ich kam gar nicht mehr dazu, der lieben Dame zu antworten, denn da wälzte sich schon die s&c- Administratorengestapo über den Horizont, pfiff erbost auf ihrer Bademeistertrillerpfeife und kommentierte mit warnend erhobenem Zeigefinger, dass Tauschgesuche jeder Art ABOLUTESTENS verboten seien und andernfalls mit Gruppenausschluss geahndet werden würden.

Nach dieser Steilvorlage konnte ich aber nun wirklich nicht mehr anders, als einen Kübel Spott und Hohn über diesem als Junghipster getarnten Nachkriegsschrapnell auszuleeren, denn sich wegen eines Klositztausches so zu gebärden, als ginge es um Drogen, Waffen oder Kindesentführung, stand für mich in keiner Relation. Gerade bei einem Klositz, dem Urvater der tauschbaren Objekte, kann man doch wirklich einmal eine Ausnahme machen. Ich tausche hier immerhin nicht ein IPhone gegen eine Fernbedienung.

Da meine Tauschpartnerin nicht anders reagierte als ich, sah sich das Administrationsfossil allerdings bemüßigt, uns beiden eine schriftliche Verwarnung in Form einer privaten Nachricht zukommen zu lassen. Verwarnt wegen Scheisshaussitztauschversuchs! Schreibt das auf meinen Grabstein.

Gekümmert hat uns das freilich recht wenig. Wir haben uns trotzdem getroffen, beim Handelskai, und haben mit Klositzen gedealt wie die Profis, und zwar mit Sonnenbrille, Handschuhen und aufgesetzten Kaputzen, sollte uns jemand von der s&c- Mafia überwachen.

In einer schwarzen Limousine abgeholt und vor den Kapo geführt wurde ich bisher nicht, die nette Dame auch nicht, der Klositz hat gepasst, die Hausverwaltung hatte in dieser Hinsicht nichts zu beanstanden, und von der Gruppe ausgeschlossen wegen Tauschversuchs wurde ich auch nicht. Nicht aus dieser. Nur aus einer Damenhygienegruppe, wegen eines als unpassend aufgefassten Zwischenrufs über Redefreiheit und Geschlechtsverkehr. Das ist aber eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden 🙂

 

 

 

Advertisements