Heute erzähle ich zur Abwechslung einmal keine Geschichte, sondern ich erdreiste mich, Werbung zu machen.

Ich kenne inzwischen viele fähige Musiker, Künstler und handwerklich Begabte, die ihre juvenilen Träume auf die eine oder andere Art in der einen oder anderen Form verwirklicht haben – und dass die Gehhilfe meiner Form von Verwirklichung etwas mit Literatur zu tun hat, wird wohl inzwischen jedem klar sein (oder spätestens, seit ich aufgehört habe, in einer Band zu spielen, war es ohnehin klar).

Ich habe vor drei Jahren über einen im Nachhinein betrachtet fast endlos scheinenden Zeitraum an meinem ersten literarischen Meilenstein gearbeitet – meine Abschlussarbeit an der Uni. Und hatte gleichzeitig einen Kumpel vor Augen, der an seiner Doktorarbeit schrieb, einen Haufen Unikolleginnen, die schon lange mit ihren hochwissenschaftlichen Traktaten fertig waren und irgendwie umgeben von Leuten, die alles schneller, schöner, besser und wissenschaftlicher machten als ich. Das war ungefähr so das Gefühl, das ich während meiner gesamten Unizeit hatte: Alle lesen Musil, Kant und den „Falter“ und tippen auf Netbooks in Anbetracht ihrer zukünftigen Position als intellektuelle Elite des Landes. Ich lese Rebhandl und Austrofred in Anbetracht meiner zukünftigen Position in der Arbeiterschicht, musste meinen gebrauchten Laptop in Raten zahlen und habe noch nie ein scheiss „Standard“- Gratisabo abgeschlossen, weil ich mich eh nicht so weit selber anlügen kann, dass ich die Zeitung tatsächlich jeden Tag auf meinem Teppich ausbreiten und aktiv lesen, sondern lediglich dazu benutzen würde, den Hamsterkäfig damit auszulegen oder meine nassen Stiefel damit auszustopfen.

Ich habe sie gehasst, die perlenohrringtragenden, bleistiftkauenden Girlies, die „Studentin“ als Berufsangabe verwenden und in einer von Papi finanzierten Wohnung in einem hippen Bezirk residieren und sich absichtlich den Kanon der Weltliteratur ins Billy- Regal räumen, für den Fall, dass sie einmal einen Aufriss von einem Semesteropening mitbringen und der Ansicht sind, um drei Uhr früh noch angetschechert brillieren zu müssen.

„Aber Anna, es sind doch nicht alle gleich! Aber Anna, du kannst doch nicht alle über einen Kamm scheren!“- Wer sich diesen oder einen ähnlich lautenden Stiefel anziehen will, kann es gerne tun, ihr wisst nämlich, was ihr mich könnt.

Verdorben hat mich in dieser Hinsicht eine Fehlbelegung im ersten Semester, wo ich ein Proseminar belegt hatte, ohne zu wissen, was das eigentlich ist. Und da waren lauter Höhersemestrige drin, bei deren Referaten mir das kalte Grauen gekommen ist. Thesen! Thesen müssen es sein! Unsereins hat mit dem Handy unter dem Tisch gegoogelt, was eine These ist, und mir war jeden Mittwoch Abend kotzübel, wenn diese Lehrveranstaltung angestanden hat, weil ich mich ums Verrecken nicht mit Leuten in einen Raum setzen wollte, die alles verkörperten, was mich so rasend gemacht hat. Die offensichtlich immer alles sofort verstanden haben und nie nachfragen mussten. Und ich war der Bauer vom Dorf, der in Anbetracht seiner Dummheit hier gerade am System Uni zu scheitern drohte.

Aber aufgeben tut man einen Brief (mein Gott, ist der ausgelutscht). Ich habe mich also so durchgewunden, wurde älter und ein bisschen umsichtiger, und als es auf das Ende zuging, habe ich mir das einzige Thema gesucht, über das ich mich damals in der Lage zu schreiben gesehen habe; über ungemütliche historische Zusammenhänge und in literaturwissenschaftlicher Hinsicht bedeutsame Persönlichkeiten schreiben schon andere.

Weil ich die meisten Studenten nach wie vor nicht mochte, habe ich mir damals selbst zum Ziel gesetzt, etwas zu verfassen, das es auch jemanden zu lesen freut, der noch nie auf einer Uni war, und zugleich wissenschaftlich genug zu arbeiten, dass es als meine Abschlussarbeit anerkannt werden würde. Ich wollte nichts schreiben, das kein Mensch lesen kann, weil es vor Fachvokabular und Großgekotze nur so strotzt. Das wäre nicht ich gewesen, und auch wenn es hier um meine akademische Abschlussarbeit ging, wollte ich mich nicht so weit verbiegen, um bestenfalls einen Haufen Unigockel zu beeindrucken, die auch nur mit Wasser kochen und leise furzen, wenn niemand hinhört.

Im Endeffekt habe ich mein Thema schnell gefunden. Obwohl mich viele literarische Aspekte interessieren, wären beispielsweise historische Werke im Zusammenhang mit ihrer Entstehungszeit nichts für mich gewesen. Ich wollte mich nicht auf ein Terrain wagen, auf dem es schon zig Werke gibt, und auf dem schon andere Leute mit mehr Hirn und Ernsthaftigkeit wirklich gute Sachen geschrieben haben (Hallo, Kalti). Da KONNTE ich nur abstinken. Also habe ich mich an das gesetzt, was mir während des Studiums wirklich immer Freude gemacht hat: ein riesengroßer Vergleich.

Und mein vorgeschlagenes Thema wurde tatsächlich angenommen, obwohl ich einen Aspekt etwas erweitern musste, damit man es als wissenschaftlich betrachten kann. Obwohl das Werk circa eine Woche vor Abgabe nochmal ordentlich unter Beschuss stand und ich es nachbürsten musste wie einen Königspudel bei der Hundeschau, wurde im Endeffekt eine ordentliche, den Anforderungen der Uni genügende Diplomarbeit daraus.

Langsam sollte ich vielleicht einmal erklären, worüber ich geschrieben habe, was angeblich so gar nicht wissenschaftlich ist:

Günter Brödl, mein persönlicher Held. Die Meisten kennen Dr. Kurt Ostbahn, die wenigstens seinen geistigen Vater, und noch weniger Leute kennen seine Kriminalromane aus der Achtzigern. Diese Krimis sind das, was ich als Meisterwerk im Rahmen meiner gesteckten Erwartungen an ein Buch bezeichne: bodenständig, spannend, mit ordentlich Wiener Lokalkolorit und der Haltung, sich einfach rein gar nichts zu scheissen, und zwar in der Form, wie man sie prima auf sein eigenes Leben adaptieren kann. In Kombination mit Ostbahn- Kurti und der Chefpartie als Hintergrundmusik habe ich mehr als einmal einen Zustand erreicht, den ich guten Gewissens als „umfassend zufrieden“ bezeichnen kann. Der Ostbahn-Kurti hat mich trotz meiner jungen Jahre schon in Oberösterreich begleitet, weil er musikalisch immer gerade irgendwas parat hatte, das zu meiner Stimmung gepasst hat.

Ich habe inzwischen viele Erinnerungen ähnlicher Wirkungsweise tätowiert: Findus die Katze, den Invincible- Stern aus Super Mario, das „A“ aus dem „A-Team“- Schriftzug und so weiter.

Aber Günter Brödl und Kurt Ostbahn wollte ich in Liebe und Dankbarkeit meine erste richtige literarische Arbeit widmen, und das habe ich getan.

Ich habe also meinen Lieblingskrimi, „Blutrausch“, zur eingehenden Analyse herangezogen, und mit einem neueren Autor verglichen, den ich mehr oder minder durch Zufall entdeckt habe, der ähnlich rotzig schreibt und keinen Detektiv, sondern zu meiner großen Freude einen versoffenen Antihelden als Protagonisten hat: Ken Bruens „Jack Taylor“. Hier befinden wir uns nicht in Österreich, sondern in Irland, und dieses Werk hat mehr Bezug zu der Zeit, in der sich die Handlung abspielt.

Den Kern dieser Arbeit bildet der Vergleich meiner Protagonisten, die keine richtigen Ermittler sind, sich in Werken befinden, die trotzdem die Kriterien eines Kriminalromans erfüllen und sich mit Problemen herumplagen, die zum Teil hausgemacht, zum Teil gesellschaftlich evoziert sind.

Es ist unschwer zu übersehen, dass dies keine Werke sind, die dem Kanon der Weltliteratur entstammen, weil sie von überragend metaphorischer Ausdrucksweise oder gar so vielschichtig sind, dass jede Lasagne dagegen vor Neid erblassen würde.

Es sind stinknormale Krimis, über die ich geschrieben habe; solche Krimis, die man wahrscheinlich mittlerweile auf Wühltischen und in Ramschkisten findet und die objektiv gesehen nichts an sich haben, das ihnen einen Platz im kollektiven Gedächtnis des literarischen Weltgeschehens sichern würde. Wenn sie vergriffen sind, wird sich niemand an sie erinnern, die Verfilmungen sind für den Normalverbraucher nichts Besonderes.

Aber für einen Menschen haben sie eine Bedeutung, und speziell im Falle von Kurt Ostbahn und Günter Brödl habe ich meinen Teil dazu beigetragen, dass die Erinnerung vielleicht noch ein bisschen länger lebt. Und wahrscheinlich, weil ich mich selber häufig wie ein Wühltischposten gefühlt habe.

 

Wieso ich euch das alles überhaupt erzähle? Weil die Arbeit heute als Buch erschienen ist:

grantbuch

Mein Meilenstein hat also den Weg in einen Verlag gefunden, weil davor und danach nie wieder etwas über die beiden Bücher geschrieben wurde. Es ist also eine Art Unikat. Ich hatte damals auch das große Glück, durch sehr freundliche Menschen mit Willi Resetarits reden zu können, und Harry Rowohlt, der Übersetzer von Bruen, hat mir einen auf Schreibmaschine getippten Brief mit der Post geschickt, der heute noch an meiner Pinnwand hängt. Ich habe an der Arbeit rein gar nichts verändert, weil sonst wäre ich vom Hundertsten ins Tausendste gekommen und im Endeffekt wäre da wieder etwas völlig anderes gestanden, und das wollte ich vermeiden.

Und wer sich nicht sicher ist, ob er eine „wissenschaftliche Arbeit“ wirklich lesen mag: Ihr kennt inzwischen meine Texte. Diese Arbeit ist beinahe keinen Deut anders, zumindest in den Passagen, in denen ich frei von der Leber weg schreiben konnte.

Wen es interessieren könnte: Freunde von Kurt Ostbahn und seiner persönlichen Geschichte, Freunde von Kriminalromanen, an der wirtschaftlichen Geschichte Irlands Interessierte, an irischen Krimis Interessierte, an der Unterstützung kleiner Literaten Interessierte.

Wen es jetzt tatsächlich interessiert, kann mir gerne Bescheid geben, wenn er ein Exemplar haben möchte. Man kann es aber auch bei Morawa bestellen, bei Thalia (würde ich allerdings nicht machen, die haben beim Preis ordentlich was draufgeschlagen), auf Amazon, bei der Buchhandlung Neudorfer in Vöcklabruck, überall, wo man Bücher bestellen kann. Es hat eine ISBN, was bedeutet, dass es sich im Verzeichnis lieferbarer Bücher befindet. Die Publikation hat mich wenig gekostet, dennoch freue ich mich über jedes verkaufte Exemplar, da es für mich eine Unterstützung auf meinem literarischen Weg bedeutet. Wer also gerne den „local Underground supportet“, wie es sich so viele großmütig auf ihre vor allem musikalischen Fahnen schreiben, hat hier die Möglichkeit, den literarischen Untergrund zu fördern. Denkt einfach mal darüber nach, wenn ihr das nächste Mal ein Shirt oder eine CD einer unbekannten Band kauft.

Dies ist mein erstes in Buchform erschienenes Werk, und so der Literaturgott will, wird es nicht das Letzte sein.

Mit irgendetwas muss man doch anfangen, nicht?

Ach, und hier noch die Auflösung des „Schas im Wald“- Fotoalbums, wers gesehen hat:

Mein Komplize Roman und ich haben im Wald Fotos gemacht, weil ich einerseits ein ordentliches Autorenfoto brauchte (und der Fotograf meiner Wahl leider indisponiert war), und andererseits ein Bild wollte, das dem Inhalt entspricht. Wir hatten also diverse Stichwaffen dabei und in Ermangelung ordentlicher Fotoausrüstung zwei Tablets, zwei Handies, Zeitdruck und einen Haufen Ideen.

Das hier ist das eigentliche Ergebnis der Wald- Tour:

panzer1

Und hierfür was das andere Foto:

bio

 

Als letzter Punkt in der Tagesordnung ergeht an dieser Stelle Dank an meine einzigen Mitwisser während der Arbeit an diesem Buch, die Förderer, Bachblütentropfeneinflößer und Arschtrittgeber in einem waren: M. und R.

 

 

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