Nachdem mich der Dezember aus beruflichen Gründen komplett ausser Kraft gesetzt hat – wenn ich nicht gerade im Geschäft war, bin ich des Nächtens zuhause schreiend auf allen Vieren im Kreis gekrochen und habe als hysterische Verdrängungshandlung Tetrapackwein getrunken- starte ich hier das neue Jahr JETZT, nachdem die Menschheit wahrscheinlich schon wieder von ihrer Vorsatztrunkenheit ausgenüchtert ist und sich wieder normal und nicht wie „Heuer wird alles anders!“-Bullshitbingokandidaten und Ratgebergefolge benimmt, das Anfang Jänner der Lebenshilfeliteratur nachpilgert wie die Sünder dem Jesus, nur um herauszufinden, dass es vielleicht selbst dran schuld gewesen sein könnte, dass das Vorjahr scheisse war. Sehr schön.

Jedenfalls ist mir die Tage, als ich mit dem Hallux und ein paar Mann Besatzung durch das winterliche Österreich gepflügt bin, die Sache mit dem Gestank im Pajero wieder eingefallen, die vor allem meinem Vater einiges Kopfzerbrechen bereitet hat.

Das ist jetzt wirklich schon sehr lange her, ich glaube ich war zwölf oder dreizehn, und es war … Winter. Und damit meine ich nicht den Oh-Gott-es-schneit-drei-Flocken-sagt-meiner-Frau-dass-ich-sie-liebe-Winter, sondern komplettes Sibirisch-Oberösterreich mit – 22 Grad Celsius und Schneewehen in Autohöhe. Damals haben wir noch in einem Kuhdorf gewohnt, zu dem es nur eine Zufahrt gab. Die Straße zu uns wurde zwar von Schneestecken markiert, die ab einer gewissen Schneehöhe aber eigentlich nur mehr vage Hinweise waren, wo sich die Straße eventuell einmal befunden haben KÖNNTE. Der Schneepflug, den ein gerüchtehalber dem Wein nicht abgeneigter Gemeindemitarbeiter fuhr, wuchtete die Schneemassen zwei Mal pro Tag in Schlangenlinien recht  willkürlich nach links und rechts und oben und unten. Jedenfalls waren wir gewissermaßen eingeschneit, und Mutterns Auto hielt schon lange seinen Winterschlaf in der Garage.

Mein Vater besaß zu diesem Zeitpunkt allerdings einen durchaus witterungstauglichen Mitsubishi Pajero, der tapfer draussen stand und auch der klirrendsten Kälte trotzte (vor allem, weil mein Vater ihn liebevoll mit ausrangierten Teppichen zugedeckt und ihn jeden Morgen heiss geduscht hat). Jedenfalls war der Pajero in diesem Winter das Fahrzeug unserer Wahl. Das einzige Manko, das wir feststellen mussten, war, dass er sich nur relativ langsam im Innenraum erwärmt hat.

Irgendwann hat mein Vater mich in der Früh zum Bahnhof gefahren – wir sind als Schüler immer mit dem Zug in die Schule nach Vöcklabruck gepilgert. Und irgendwann fange ich an, durch die Heizung die feine Nuance eines irritierenden Geruchs wahrzunehmen, der mein empfindliches Jungmädelnäschen gekitzelt hat. Ich habe die ersten paar Mal, als ich das gerochen habe, nichts gesagt, weil ich mir noch gedacht habe, ich würde mir das nur einbilden.

Nach einer guten Woche des schweigenden Ertragens habe ich aber meinen Vater relativ konsterniert und ohne Umschweife darauf hingewiesen, dass das scheiss Auto nach Kadaver stinkt.

„Papa, da fäuts.“

„Geh, da fäut doch nix. Es is Winter.“

„Da fäuts noch Kadaver.“

„Geh, du fäust ah noch Kadaver. I riach nix.“

Mein Vater, dem bewusst war, dass er ein recht verhaltenskreatives Kind sein Eigen nennen darf/muss, hat mich gemäß dieses Wissens nicht ernst genommen – bis es ihm selber aufgefallen ist, dass es in diesem Auto riecht, als hätte sich darin einer hamdraht und würde nun vor sich hinsafteln.

Eines Abends hat der grübelnde Leo nach der Arbeit angefangen, den Pajero wortwörtlich auf den Kopf zu stellen. Hinten, drinnen, unten. Als er vorne ankam, wurde ihm nicht nur klar, dass das Kind mit seiner Kadaver-Suderei tatsächlich Recht hatte, sondern auch, wodurch der inzwischen extrem belästigende Eau de mort verursacht wurde:

Offensichtlich hatte sich ein Ratz, und zwar ein Mordskaliber, im Motorraum vom Pajero häuslich eingerichtet – komplett mit einem Vorrat an entwendetem Brot zum Überwintern. Da waren Randstückeln drin und Toastscheiben ohne Ende. Blöderweise ist der Ratz offensichtlich im Glauben, sein Winterquartier wäre sicher, Opfer fahrlässiger Unvernunft geworden: wir glauben ja, den hats da drinnen gegrillt. ODER er hat in ein Kabel gebissen, oder ihn hat der Schlag getroffen oder oder oder, jedenfalls war der Ratz hinüber und seine Seele ist zu seinem Gott aufgefahren. Die sterbliche Hülle ist aber noch in der Motorhaube vom Pajero gelegen, wo das ständige Heiss-Kalt-Heiss-Kalt dem Ratz schön langsam die verbliebenen Körpersäfte aus allen Poren getrieben hat. Und da wir natürlich nicht sofort nachgeschaut haben, was da so stinkt, sondern erst ca. zwei Wochen später, hatte der Lauf der Natur bereits bemerkenswerte Spuren hinterlassen und den Motorblock eingesuppt.

Das hat den Leo nachhaltig verstört, der natürlich die Leiche und ihre Speisekammer geborgen und am Misthaufen zur diesmal endgültigen letzten Ruhe gebettet hat. Seither schnüffeln wir bei der ersten Fahrt in jedem Auto, obs eventuell nach Tod riecht.

 

 

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