Prolog:

Veganern, militanten Tierschützern und sonstigen zart besaiteten Ophelien von geringerer geistiger Widerstandskraft wird von der Rezeption des folgenden Berichts dringend abgeraten, denn er handelt vom wenig honorigen Ableben diverser, der Spezies der pisces zugehöriger Mitlebewesen, das leider nicht verhindert werden konnte, aber in seiner Tragikomik unübertroffen ist.

 

Nachdem ich euch gewarnt habe, weil man das offenbar von mir erwartet, bevor ich die Würde anderer Lebewesen durch den Kakao ziehe, kann ich ja endlich anfangen.

 

Als ich noch im Hotel gearbeitet habe, gab es dort in der Lobby, gegenüber von der Rezeption, ein recht großes Aquarium, das wohl ausschließlich dem gegen Ende schon sehr zweifelhaften Amusement der Kinder dienlich war, denn Erwachsene haben es kaum zur Kenntnis genommen.

Irgendwann sind wir, die inzwischen mehrfach leidgeprüfte, augenberingte und sich nicht mehr wirklich auf dem Zenit ihrer psychischen Fähigkeiten befindliche Servicemannschaft dazu übergegangen, zu glauben, dass es sich bei unseren Zierfischen um unsere Totemtiere handeln müsse, denn je weiter wir körperlich und vor allem geistig abbauten, umso brachialer ging es in unserem Aquarium zu, aber dazu gleich mehr.

Bewohnt wurde das Aquarium also von diversen, farbigen Zierfischen, denen wir auch irgendwann Namen gaben, um sie anschließend sofort wieder zu vergessen, weshalb sie dann nur noch zumindest farblich unterschieden wurden, um sie in ihrer Fischwürde nicht komplett zu untergraben: „Der Große“, „die zwei Gelben“, „die zwei Blauen“ und „Werner“ (Werner  hat seinen Namen erst bekommen, als uns irgendwann aufgefallen war, dass er nur mehr ein Auge hatte – eine eher zweifelhafte Hommage an unseren inzwischen pensionierten Küchenchef [siehe auch: „Die gestohlene Krokette“]). Dann gab es noch diverse kleinere Fische und zwei Putzerfische, Schnecken und was weiss ich – ein zu Beginn halt ganz normales Aquarium.

Ich glaube im Nachhinein, dass sich zumindest irgendjemand mit ein wenig Fischpsychologie hätte befassen sollen, denn dann wären vielleicht manche Dinge nicht so passiert, wie sie eben passiert sind; unser Front Office Manager hat nämlich ab und an Fische entweder dazugekauft oder aus seinem Privataquarium von zuhause mitgebracht, weil wir in unserer gänzlichen Unbedarftheit dachten, unter Zierfischen würden wohl kaum Rangkämpfe ausbrechen oder Fischmobbing praktiziert werden.

Wir haben also das Aquarium vorschriftsmäßig gereinigt, die Fische gefüttert und ihnen mehr als einmal beim Herumschwimmen zugeschaut – auch wenn sich mir nach wie vor die ungesunde Faszination mancher Fischliebhaber für Aquarien nicht ganz erschliessen mag.

Irgendwann, es war Hochsommer 2012, bemerkten wir mehr oder weniger nebenbei, wie unser den Fischen sehr zugetanener FO- Manager besorgt kritisch das Aquarium beäugte und konstatierte, dass der Große die Kleineren aus welchem Grund auch immer dauernd jagen würde. Er schnappe nach ihnen und sie würden sich fürchten, und wir sollen sie uns doch anschauen, und wirklich: der grosse Fisch, fortan nur mehr „der Arsch“ genannt, zischte hinter den Kleineren her und sie schossen gestresst von einer Ecke in die andere und versteckten sich hinter diversen Gewächsen. Wieso das nach zumindest einem Jahr des friedlichen Zusammenlebens plötzlich der Fall war, wussten wir alle nicht, jedenfalls fiel alsbaldigst der Entschluss, dass der Rowdy umziehen müsse, bevor ein anderer Fisch einen Herzinfarkt kriegt. FO beschloss also, den Arsch bei sich zuhause singulär einzuquartieren, als sich die Lage anscheinend wieder ein bisschen beruhigte.

Dies war aber nur von kurzer Dauer, denn einige Tage später wurden M., meine zwischenmenschlich eher spröde Lieblingskollegin, und ich beim Frühstück folgendes Dialogs gewahr:

Kind: „MAMAAAA?“

Mutter: „Ja?“

Kind: „Wieso hat der Fisch da keinen Kopf mehr?“

Woraufhin M. alles fallen lässt und unter den entgeisterten Blicken der Mutter hurtig in Richtung Aquarium enteilt. Ich folge ihr auf dem Fuße, und tatsächlich: Halb verborgen von Gewächs, wiegt sacht eine offensichtlich kopflose Fischleiche in den Fluten.

„Madre mia.“ M. öffnet den Deckel, schiebt sich den Ärmel bis zur Schulter rauf und will mit bloßem Arm in das Aquarium greifen, während ich sie mit vor Erregung bebender Stimme darum ersuche, die die Handlung begleitenden Umstände doch bitte erst zu Ende zu denken, nämlich dass sie mit dem toten Fisch in der Hand dann den kompletten Frühstücksbereich durchqueren muss, um ihn zumindest einigermaßen fachgerecht bestatten/entsorgen zu können. M. sieht mich halb amüsiert, halb verständnislos an:

„Hab ich gedacht, hau ma ihn in Lichthof, fressen ihn eh gleich die Vögel!“

Während ich noch mit mühevoll gedrosselter Stimme damit beschäftigt bin, M. um ihre Auffassung ungarisch-kroatischen Verständnisses von „Totenruhe“ und „Nächstenliebe“ zu bringen, kommen die nächsten Gäste, ein älteres Ehepaar, um sich an der Schönheit unseres Aquariums zu erfreuen:

„Mei, san die liiiieb!“

M., immer noch mit hinaufgeschobenem Ärmel, schaut mit unverhohlener Abneigung die beiden Herrschaften an und sagt kalt wie ein Eisblock:

„Nimma lang.“

Währenddessen habe ich, meiner Mimik inzwischen nur noch unter Aufbietung äußerster Willenskraft mächtig, den Kescher aus dem Backoffice geholt, dazu einen leeren Salatkübel und murmele Entschuldigendes, während ich M. in derselben Bewegung den Ärmel runterziehe und den Kescher in die Hand drücke.

Das Ehepaar verlässt uns mehr als irritiert in Richtung Frühstücksbereich, und M. waltet ihres Amtes als Totengräberin, kescht die kopflose Leiche endlich raus und verschwindet damit Richtung Toilette.

Nachdem die nächsten stressigen vier Stunden bewältigt sind, erscheint der FO in der Küche und weist uns indigniert darauf hin, dass das Wasser im Aquarium einen ungesunden Farbton aufweist – und ehe man sichs versieht, befinden wir uns in einem weiteren schönen Streit über Zuständigkeit und Sinnhaftigkeit des Unterfangens, das offenbar von der Fischleiche kontaminierte Wasser auszutauschen und wer jetzt überhaupt an dem ganzen Dilemma schuld war. Zumindest die Schuldfrage lies sich in Ermangelung anderer Verdächtiger eher schnell klären: der Arsch musste dem Kleinen den Kopf abgebissen und ihn verspeist haben. Das Thema schlitterte zu Kannibalismus unter Fischen und dem Aggressionspotential des Arsches mit der Conclusio, dass ein Umzug und somit räumliche Trennung der Parteien unumgänglich wäre.

Den Nachmittag haben wir dann zu fünft lachend und prustend abwechselnd damit verbracht, Wasser mit einem Schlauch oral anzusaugen, eifrig darum bemüht, die Leichensuppe nicht in unsere Münder zu bekommen, um es anschließend in einen großen Häfen zu leiten. Irgendwann war auch das erledigt, und wir wähnten uns in Sicherheit, während unserer Hausdame quasi im Weggehen noch auffiel, dass ein Fisch nur mehr ein Auge hatte. „Werner“ wurde auf Anraten eines telefonisch konsultierten Tierarztes in einen Salatkübel in mit einem Medikament versetzten Wasser auf dem Schreibtisch des FO unter Quarantäne gestellt. Um es vorwegzunehmen: auch Werner hat es, wie unschwer zu erwarten war, nicht mehr lange gemacht. Entweder dahingerafft von Depressionen ob seiner Einäugigkeit oder separiert von seinen Artgenossen, kam ihm der Lebenswille abhanden und so fand auch er seine letzte Ruhestätte in den endlosen Weiten der Wiener Kanalisation.

Angespornt von der drastisch schwindenden Fischpopulation in unserem Aquarium, hat der fischliebende FO also zuhause ein eigenes Aquarium für den Arsch präpariert, das gewissermaßen Bewährungshilfe und Einzelhaft zugleich darstellen sollte.

Just an dem Tag, als der Arsch übersiedeln sollte, wurde der nächste Fisch von seinem Gott abberufen, und erste Rufe des Pöbels wurden laut, man möge den Arsch doch bitte endlich zur Verantwortung ziehen. Da man das aber nicht machen kann (eine euphemistische Umschreibung für: da man das aber wahrscheinlich aus ethischen Gründen nicht machen soll), wurde der Arsch wie besprochen in Einzelhaft genommen, in der Hoffnung, die Lage würde sich jetzt für alle, Fische wie für Menschen, wieder ein bisschen entspannen, und tatsächlich hatte es zuerst den Anschein, als würden die verbliebenen Fischlein- ein Gelber, ein Blauer und die Kleineren- ihres Usurpators beraubt, endlich ein friedliches Fischdasein fristen.

Offenbar wollten die blöden Viecher aber keinen Frieden, sondern fingen bald darauf an, gegenseitig aufeinander loszugehen, wohl um die Rangfolge neu auszufechten, woraufhin es uns allen zu blöd wurde, wir die Fische einzeln an diverse Mitarbeiter verschenkten und das Aquarium aufließen.

Ob sie wieder eines angeschafft haben, weiss ich nicht, aber „Werner“ und die anderen bleiben mir wahrscheinlich auch deshalb in Erinnerung, weil uns die Wirren um ihre Behausung als Team zumindest temporär zusammengeschweißt haben, und wer weiss, vielleicht war das auch nur der Sinn der Sache, dass wir uns einmal nicht Tag für Tag die Marillen einhauen.

Und NEIN, diverse ichthyologische Ratschläge, wie man es hätte machen sollen, dürft ihr euch gern für schlechte Zeiten dort aufheben, wo es warm und finster ist. Vielen Dank.

 

 

Für T.F.

„Always.“

 

 

 

 

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