Was jetzt folgt, ist ein zutiefst menschlicher Bericht, und ich schäme mich keineswegs, zuzugeben, dass das Einparken eines Vehikels in ungeübtem Zustand nicht ganz so einfach war, wie es jetzt ist. Richtig, in der folgenden Anekdote geht es um mein Auto- den Hallux- und mich.

Zum damaligen Zeitpunkt, ich schätze, dass es wohl 2014 war, hatte ich den Hallux noch nicht mal zwei Monate. Ergänzend muss angemerkt werden, dass ich meine Lenkerberechtigung im Jahre 2006 in Oberösterreich erworben habe und von diesem Zeitpunkt an kein anderes Auto gefahren habe als das meiner Eltern, und auch das wie gesagt nur zuhause in Oberösterreich, wo generell alles anders ist. Wahrlich gegraust hat mir vor der Vorstellung, irgendwann einmal am Gürtel oder auf der Tangente fahren zu müssen, alles über zwei Spuren war der blanke Wahnsinn und ich hatte großen Respekt vor allen Leuten, die in Wien Auto fahren, weil ich mir das einfach nicht vorstellen konnte und vor allem nicht vorstellen musste- ich hatte ja eigentlich nicht vor, mir ein Auto anzuschaffen.

Als selbiger Umstand aus diversen Gründen dann doch eintrat, und ich den Hallux mein Eigen nennen durfte, verbrachte ich die ersten paar Ausfahrten schweißgebadet, schreiend und fluchend und den Boden küssend, wenn ich wieder heil ausstieg – nichtsdestotrotz würde ich den Hallux jetzt, zwei Jahre später, nie wieder hergeben. Der „Hallux“ ist ein roter Opel Astra GTC, also mehr unnötig lang als hoch und keine Hintertüren.

Ich habe damals im 9. Bezirk gewohnt, und in dem ganzen verfluchten Bezirk herrschte generell notorische Parkplatzknappheit, sogar ausserhalb meiner Parallel- Einpark- Hemmschwelle. „Lern wos, daun host wos zum Vagessn“, hat der Leo immer gesagt, als ich noch in der Schule war. So sehr mir das auf den Zuz gegangen ist, so sehr hab ich mich jetzt daran erinnert, weil irgendwann kannst du nicht mehr 38 Minuten durch dieselben Gassen fahren, in der Hoffnung, dass irgendwann ein Schrägparker frei wird, obwohl nur ein einziger Parkplatz frei ist, und zwar parallel zum Gehsteig, neben einem Lokal.

Ich habe also an diesem Tag beschlossen, den Rat vom Leo endlich in die Tat umzusetzen und mir freiwillig praktisches Wissen in Sachen „Parallel einparken“ anzueignen, tief durchgeatmet und mich ans Einparken gemacht.

Was jetzt kommt, kann ich aus Gründen der Schande abkürzen, es sei denn, ihr wollt hören, dass ich elf Mal vor-und zurückgeschoben habe:

Ich habe es auch beim zwölften Versuch nicht geschafft, den Hallux zufriedenstellend in dieser Parklücke zu platzieren, während ich Blut und Wasser geschwitzt habe. Ich wollte prinzipiell nach dem vierten Versuch aufhören, habe mich aber dann selbst geschimpft, dass man nicht immer gleich aufgeben kann, wenn etwas nicht gleich beim ersten Mal funktioniert, und dass ich es irgendwann einmal lernen muss.

Also habe ich tapfer weiter vor und zurückgeschoben, vor und zurück, vor und zurück, mit hochrotem Kopf, bis es zaghaft an mein Beifahrerfenster klopft.

Draussen steht ein ganz normaler junger Bursch, ungefähr in meinem Alter und deutet mir, das Fenster runterzulassen. So huldvoll wie möglich, mit erhobenem Haupt und hektisch aus der verschwitzten Stirn gewischten Haarsträhne lasse ich das Fenster einen einbruchssicheren Minispalt hinunter.

Er: „Ähm, brauchst du Hilfe?“

Ich, entschlossen: „Nein, danke. Ich schaff das schon.“

Er: „Das…sieht irgendwie nicht so aus.“

Ich schweige, und komme drauf dass er Recht hat. Und komme weiters drauf, dass das wahrscheinlich eine der peinlichsten Situationen ist, in der ich mich jemals in nüchternem Zustand befunden habe. UND komme drauf, dass ich das scheiss Auto da wirklich nicht alleine einparken kann UND, dass man auch mal Hilfe annehmen muss.

Er:“ Soll ich dir vielleicht dein Auto einparken?“

Ich: „… Ja, ich glaube das wäre vielleicht gut.“, steige aus und umrunde das Auto, als mein gemartertes Hirn wieder mal auf Notstromaggregat schaltet und die Weiterleitung sämtlicher logischer oder angebrachter Handlungsweisen unterbindet. Er umrundet das Auto seinerseits, als ich auf der Beifahrerseite stehe und mich in die ohnehin schon unangenehme Stille hineinsagen höre:

„Aber bitte nicht stehlen.“

Er schaut mich an, wie halt ein Mensch schaut, der gerade des wohl dümmsten Autodiebstahlversuchs des gesamten Planeten bezichtigt wird. Und er schaut mit einem Blick, der mir zu verstehen gibt, dass die offenbar wohl gestörteste Frau von Wien gerade das Wort an ihn gerichtet hat. Ich habe wirklich nicht mehr alle Latten am Zaun.

Er zeigt stumm auf die Fensterscheibe des Lokals und sagt ohne den Funken einer Gefühlsregung in der Stimme und wie zur Erklärung der Schöpfungsgeschichte:

„Meine Mama sitzt da drinnen.“

Ich schaue zur Fensterscheibe, hinter der eine dickliche kleine Frau steht und fröhlich winkt. Ich hebe die Hand, grinse mit zuckenden Mundwinkeln und verspüre das starke Bedürfnis, die paar Meter zur Straßenbahn zu gehen, mich mit vor der Brust verschränkten Armen auf die Schienen zu legen und auf mein ereignisloses Ableben zu warten.

Jedenfalls steigt der Typ jetzt ein, und weil ich seit geraumer Zeit ohnehin nicht mehr weiss, was ich hier tue, steige ich auch ein. Zum Einparken meines Autos durch einen fremden Kerl auf meinen eigenen Beifahrersitz.

Und er parkt den Hallux beim ersten Mal auf den Punkt genau ein, und ich fühle mich inzwischen nicht nur sozial inkompetent, sondern auch indiskutabelst unfähig zum Leben.

Der Typ zieht bilderbuchmäßig die Handbremse an, stellt den Motor ab und gibt mir schweigend den Schlüssel. Ich nehme ihn ebenfalls schweigend entgegen und steige aus.

Wie bedankt man sich gebührend bei jemandem, der einem nicht nur gerade das Auto eingeparkt, sondern gleichzeitig den Glauben an die Menschheit in Wien zumindest partiell wiederhergestellt hat?

„He, danke. Echt.“

„Keine Ursache. Ich geh dann mal wieder rein“, während er wieder auf die Fensterscheibe zeigt, wo immer noch seine Mama winkt und sicher und mit Fug und Recht total stolz auf ihren Sohn ist. Und er geht, und ich stehe blöd vor meinem Auto und fühle mich immer noch wie ein gescheitertes Experiment.

Immerhin funktionieren meine Beine wieder, und ich raffe den auf dem Gehsteig liegenden, spärlichen Rest meiner Würde eilig zusammen und trage ihn nach einem kurzen Räuspern erhobenen Hauptes von dannen.

…Ich bin aber nicht der Konjunktiv, also ist von meiner Würde mittlerweile wirklich nicht mehr so viel übrig 🙂

 

 

 

 

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