almdudler

 

Für Roman.

Diese Anekdote ist wohl eine Premiere – insofern, dass sich ihr Inhalt in den letzten 72 Stunden ereignet hat.

Wie mancher vielleicht weiss, höre ich gelegentlich ein bissl schlecht. Und damit meine ich nicht das absichtliche Dein-impertinentes-Geschwätz-interessiert-mich-nicht-Schlecht-hören, sondern das Ich-hab-dich-jetzt-schon-zum-dritten-Mal-nicht-verstanden-und-trau-mich-jetzt-nimmer-nachfragen-Defizit. Das hat schon öfter zu erheiternden Missverständnissen geführt, unter anderem, weil sich einmal eine richtige Diskussion um die inhaltliche Qualität eines Liedes entsponnen hat, in deren Verlauf ich meinen Kumpel E. der Abscheu eines wirklichen Klassikers bezichtigt habe, weil ich statt „Pfadi-Lied“ „fades Lied“ verstanden habe. Die meisten wissen aber, wenn ich einen Schlachtbankgesichtsausdruck bekomme und so ein Wackeldackel-Nicken, dass ich eigentlich eh nix gehört hab (und ja, ich sage manchmal „HA?“ statt „Bitte was?“ oder „Pardon“, wenn mir die gute Erziehung abhanden kommt. Meistens ist es da aber schon zwei Uhr früh und die Musik ohrenbetäubend laut. Ein Freund hat mich dreimal mit derselben Frage angesprochen, und beim dritten Mal „HA?“ hat er entnervt gebrüllt „OB SIE TOMATEN AUF DEN OHREN HAT?!“)

Wie auch immer – um MEIN akustisches Defizit gehts diesmal ausnahmsweise nicht, sondern um das meines besten Freundes.

Wir haben ein ziemliches „schware Partie“- Wochenende hinter uns, was ich an dieser Stelle aus diversen Gründen nicht näher ausführen kann und werde, nur so weit, dass es mit Saurem Apfel, Walt Disney und der Steiermark zu tun hatte und wir aufgrund seiner Tätigkeit als Schlagwerker einer Wiener Metallkapelle einen recht straffen Zeitplan einzuhalten hatten.

Nach einer recht gnadenlosen Ölung zur Feier des fünfundzwanzigsten Wurftags unseres lieben Freundes L. sind wir also mehr oder weniger bleibefußt am Samstag zurück in die Landeshauptstadt gerudert, und zwar leidend und sterbend wie es sich gehört, die geränderten Augen hinter Sonnenbrillen verborgen, meist schweigend, ausser irgendjemand hat gestöhnt und der andere hat zurückgestöhnt.

Jedenfalls musste R. irgendwann dem Ruf der Natur folgen, weshalb wir eine Raststation angeflogen und uns an selbiger eingeparkt haben.

Offenbar waren meine von König der Löwen- Liedern noch übermäßig strapazierten Stimmbänder noch nicht vollständig wiederhergestellt, weshalb ich in darob gedrosselter Lautstärke um das Mitbringen einer Flasche kalten Almdudlers bat, dem ich es zum gegenwärtigen Zeitpunkt als einziges Getränk zutraute, meine Leiden zu verringern.

R. hat nur genickt und ist mehr oder minder zielstrebig von dannen gewankt, während ich im mittagstemperaturbedingt heissen Auto und mit dem Kopf an die Scheibe gelehnt für die Sünden aus dem gegenwärtigen Leben UND den zwanzig Leben davor gebüßt habe.

Irgendwann, gefühlte dreieinhalb Tage später, kommt R., strahlend ob der Befreiung seiner peristaltischen Last mit einem Sackerl wieder, und drückt mir einen Eistee der Marke Arizona in die Hand, nebst einem dubiosen Angry Birds- Kindersaft mit Nuckelflaschenverschluss.

An dieser Stelle darf angemerkt werden, dass R. ca. 1,80 groß ist, langhaarig, grimmig, schwarzmetallisch und selten unnötig freundlich. Und dieser Berserker in Menschengestalt hält mir also an einem meiner biologischen Tiefpunkte dieses noch jungen Jahres vergleichsweise strahlend ein Saftflascherl hin und sagt ganz stolz: „Schau, da ist sogar ein Hologrammpickerl dabei!“

Die Tatsache, dass in dem Sackerl kein Almdudler war, ist mir zwar irgendwie doch aufgefallen, allerdings war das in seiner Priorität nicht dermaßen ausschlaggebend, als dass ich es für notwendig befunden hätte, selbiges anzusprechen. Ich schütte also den Eistee in mich rein, bin glücklich, dass etwas Kaltes, aber vor allem Alkoholfreies meinen ausgedörrten Altweiberrachen benetzt und beschließe für mich, dass er sich zwischen „Almdudler“ und „Arizona“ wahrscheinlich einfach verhört hat.

Obwohl wir recht zeitgerecht bei ihm zuhause aufgeschlagen sind und eine kalte Dusche unsere Lebensgeister wieder zurück in unsere malträtierten Körper gescheucht hat, waren wir dann doch ein bissl knapp dran, was wiederum dazu geführt hat, dass wir den gebratenen Lachs, den R. uns dankenswerterweise noch kredenzen wollte, wie verwilderte Tiere direkt aus der Pfanne gegessen haben, zwischen Tür und Angel quasi, und wir alsbaldigst wieder im Auto Richtung Proberaum saßen, wo es galt, Verstärker einzuladen und die restlichen Kapellengenossen zu treffen.

Wie wir dann schlussendlich – immer noch leidend, aber bei Weitem nicht mehr so unmittelbar verendend – beim Proberaum angekommen sind, kündigt R. an, dass er sich bei der Tankstelle noch was zu trinken holt. Alle bestellen Bier, außer mir natürlich, sonst könnt ich mich gleich mit dem Schädel auf die Bimschienen legen und auf ein schöneres Wetter warten. Ich bestelle also ALMDUDLER, weil es mich immer noch darauf gustert und mein Vertrauen in die heilende Wirkung des kohlensäurehaltigen Alpenkräutergetränks nach wie vor ungebrochen ist. Und diesmal in Form eines vollständigen und akustisch eindeutig vernehmbaren Satzes: „Kannst du mir bitte einen Almdudler mitbringen?“ R. nickt und zieht von dannen … um ca. zehn Minuten später mit einer Flasche Arizona- Eistee wiederzukommen, die er mir zufrieden in die Hand drückt.

Ich schaue die Flasche an.

Ich schaue ihn an.

Ich schaue wieder die Flasche an und frage mich ernsthaft, ob es an mir liegt.

„Du?“

„Hm?“

„Red ich heute irgendwie undeutlich?“

„Net wirklich, warum?“

„Hast du was gegen Almdudler?“

„Was redest du?!“

„I bin ma fast sicher, dass ich vorher grad zum zweiten Mal heute an Almdudler haben wollt und du mir jetzt zum zweiten Mal voller Überzeugung schweigend an Arizona- Eistee in die Hand drückst.“

„ECHT?! Du wolltest an Almdudler? Wann wolltest du an Almdudler?“

„Naja einmal auf der Raststätte und einmal vor zehn Minuten“

„Auf der Tankstelle hab ich dringend müssen und jetzt hab ichs wirklich nicht gehört.“

„Ok dann merk ich mir für die Zukunft dassd nix mehr hörst wennst aufn Lokus musst, vielleicht sag i das nächste Mal dass ich gern a Snickers hätt und du bringst ma die ganze Kassa, a Sackerl Gummibärli und an Bierdeckel mit!“

Also…Spass hatten wir auf jeden Fall.

Meinen Almdudler hab ich an diesem Tag zwar nicht mehr bekommen, dafür zwei Flaschen Eistee und den krönenden Abschluss eines desaströs- genialen Wochenendes unter wirklich guten Freunden.

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