Weil ich keine gesteigerte Lust darauf habe, mich in großen Erklärungen darüber zu ergehen, warum ich -respektive dieser Blog- erst nach relativ langer Zeit wieder mal ein Lebenszeichen von mir gebe, sollte ich wohl direkt mit der eigentlichen Geschichte anfangen, damit ihr gar nicht erst auf die Idee kommt, mich mit Fragen darüber zu löchern. WIR SIND WIEDER DA – lebt damit!

Wie inzwischen wohl auch die läppischsten Menschen unschwer bemerkt haben dürften, ist es leider mal wieder Sommer geworden. Ja, genau die Jahreszeit, die ich noch weniger ausstehen kann als alle Heissgetränke und menschliche Dummheiten zusammen. Da ich mich aber auch hier nicht in die weitreichenden Gründe dafür ergehen will, weil ich sonst nicht anders wäre als die Kronenzeitungsleser, die jeden noch so stumpfsinnigen Beitrag über „Rekordhitze“ mit ihrer gequirlten Kleinhirndiarrhö anzureichern glauben müssen, lasse ich diesen Faktor einfach in rein informativer Absicht einleitend hier stehen, da die Jahreszeit sehr wohl etwas mit der nun folgenden Geschichte zu tun hat- obwohl ich zugeben muss, nicht mehr wirklich zu wissen, ob es Anfang oder Ende eines Sommers vor in etwa zehn Jahren war, als Panzer (bekannt aus der Almdudler- Geschichte ) und ich mal wieder einen draufgemacht und dabei unsere bis dato unentdeckte, tiefe Zuneigung für nächtliches Interieurdesign entdeckt haben.

Zum damaligen Zeitpunkt habe ich noch nicht lange in Wien gelebt, wurde aber von Panzer bereits in die schimmernsten Perlen des Wiener Nachtlebens eingeweiht. Eine unserer damaligen, bevorzugten Anlaufstelle für das Anfeuchten unserer juvenil-unverbrauchten Kehlen war ein Gothenclub im 7. Wiener Gemeindebezirk, den es inzwischen bereits leider schon länger nicht mehr gibt. Donnerstags ging es dort musikalisch eher mittelalterlastig vonstatten, und ich hatte meinen inzwischen mehr als düsteren Erinnerungen zufolge am Freitag erst am nachmittag Uni, weshalb der Donnerstag Abend für sicher ein Jahr ein Fixpunkt in unserer Wochenplanung wurde.

Nun, es gab Met. Met war für mich zum damaligen Zeitpunkt ein äusserst rarer, wenngleich auch sehr lieb gewonnener Genuss, der mir bis zum heutigen Tage in seiner Intensität erhalten geblieben ist. UND es gab Karamellvodka. Allein diese geschmacklich doch eher intensiv süsse Mischung hat meinen Waffenbruder und mich beinahe jedes Mal zu nächtlichen Höchstleitsungen auflaufen lassen. Da er in noch machbarer Gehdistanz zu diesem Lokal gewohnt hat, haben wir nach durchzechter Nacht meistens der Einfachheit halber bei ihm übernachtet, weshalb wir eben nicht auf diverse unziehmliche Fahrzeiten der Öffis angewiesen waren.

Jedenfalls hatten wir also so eine Nacht hinter uns, draussen war es lau, die fortgeschrittene Nacht hatte die Leute bereits in ihre Betten gespült und wir waren lachend und blödelnd auf dem Weg nach Hause. Erheblich daran war eine sehr lange Strasse, die leicht bergauf ging und an einer Müllsammelstelle vorbeiführte – eben so eine Ansammlung an Müllcontainern für Glas, Papier, Metall und so weiter. Diese Tatsache wäre uns nicht weiter aufgefallen, hätte Panzer nicht plötzlich und unerwartet in sämtlichen Tätigkeiten innegehalten und wäre wie angewurzelt stehen geblieben, sodass ich unweigerlich gegen ihn geprallt bin und dadurch unwillig raunzend auch anhalten musste. Quer über den Gehsteig und in unmittelbarer Nähe zu diesen Müllcontainern stand eine schwarze Ledercouch, und dieses nachtfarbene Ungeheuer zog mit seiner stoischen, uns den Heimweg verbauenden Persönlichkeit unsere komplette Aufmerksamkeit auf sich.

Die geneigte Leserschaft wird wohl einhellig ebenso der Meinung sein, dass der Umstand, dass die Couch direkt bei den Müllkübeln stand, wohl ein wirklich eindeutiges und unumstösslich untrügliches Indiz für den Gesamtzustand des verwaisten Wohnzimmermöbels dargestellt haben muss- ja, mit Sicherheit für jeden NÜCHTERNEN Menschen. Für uns war diese Couch ein rebellischer Teenie, der, unverstanden von seiner Umwelt und sich trotzig die Tränen aus den dick mit schwarzem Eyeliner umrandeten Augen wischend, auf den Stufen vor seiner Haustür saß und darauf wartete, dass von irgendwoher ein Wunder kam. Im Fall der Couch manifestierte sich das Wunder in Gestalt zweier verklärt-trunken dreinblickender Metaller, die mit glasigen Augen abwechselnd die Hände über den Köpfen zusammenschlugen und sich an den Schultern rüttelten, um einander beständig den unbedingten und dringenden Bedarf dieses unverstandenen, ausgesetzten Meisterwerks im Panzer’schen Eigenheim zu versichern.

Da einem der Alkohol ja bekanntlich nicht nur den Schädel weich und die Zunge lose macht, sondern einem auch Bärenkräfte verleiht, schickten wir uns natürlich nach vollzogenem Wir-haben-das-tollste-Sitzmöbel-der-Welt-gefunden-Freudentanz alsbaldigst an, unsere neue beste Freundin noch einen guten Kilometer nach Hause zu tragen. Jedoch musste man nach guten 100 Metern wohl zugeben, dass dieses Ungetüm so derartig schwer war, dass wir es nicht vor ungefähr übermorgen in Panzers Wohnung schaffen würden – was uns aber in grimmiger Entschlossenheit über die Aussicht, unsere wohlgeformten Hinterteile für die nächsten tausend Jahre unserer mit Sicherheit niemals enden wollenden Adoleszenz in diese märchenhaft weichen Wogen betten zu können, keineswegs daran hinderte, sie unter Zuhilfenahme sämtlicher Körperteile immer weiter in Richtung HQ zu manövrieren.

Objektiv betrachtet muss es halt so ausgesehen haben, wie es wohl wirklich ausgesehen hat: zwei Betrunkene schleppen unter großem Gelächter eine alte Couch quer durch Wien.

Jedenfalls mussten wir mit der Couch auch mal über die Straße, und just da hätten wir beinahe einen ersten Verlust von Leib und Leben zu beklagen gehabt. Panzer hatte die Couch an seiner Front erst links, dann rechts geschultert und war anschliessend dazu übergegangen, die Couch mit beiden Händen auf dem Rücken zu tragen, während ich eifrig damit beschäftigt war, unter den Massen nicht mein restliches Leben einzubüßen und das Hinterteil der Couch schnaubend und keuchend hinterherzuschleppen. Irgendwann rutschte ihm sein Couchende von den Schultern, zerriss dabei sein Shirt am Rücken von oben bis unten in zwei Teile und fügte ihm einen tiefen, blutenden und pfeilgeraden Kratzer zu, woraufhin wir zum allerersten Mal im Zuge dieser inzwischen sicher eine Stunde andauernden Prozedur beide leise Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieses Unternehmens hegten, was wir aber voreinander natürlich unter gar keinen Umständen zugegeben hätten.

Das untere Haustor von Panzers Wohnkomplex war noch kein gröberes Problem, zumal man dieses Tor auch für Autos gänzlich öffnen konnte. Unmittelbar danach wurde uns die letzte Hürde gewahr, die uns diesmal endgültig und wahrhaftig in die Knie zwingen sollte. Zur zweiten Haustür führten einerseits drei Stufen hoch. Nach diesen Stufen kam das Haustor, und danach wären es noch circa sechs Stufen und ein 90-Grad-Winkel gewesen, um unseren sexy Dreisitzer seiner neuen Bestimmung in Panzers Wohnzimmer zuzuführen. Nach einigem Fluchen und Beratschlagen mussten wir einerseits vor der Enge der beiden Haustüren und andererseits vor der Anzahl der Stufen kapitulieren, natürlich nicht ohne zu beschließen, unseren kräftezehrenden Plan in den Morgenstunden, nachdem wir uns von den selbst zugefügten Strapazen der Nacht erholt hätten, zu seinem glorreichen Abschluss zu bringen.

Im Endeffekt hingen wir beide am nächsten Tag konsterniert kalten Kaffee mit Mannerlikörschuss schlürfend aus dem Küchenfenster und beäugten kopfschüttelnd und mehr als ungläubig unser bei Tageslicht vollständig seiner nächtlich-mysteriösen Aura beraubtes Machwerk: dies war ohne Zweifel und vollig aufrichtig gesprochen die hässlichste und zerstörteste Couch, die jemals das Pech zu erblicken ein Mensch hatte. Was uns bei Nacht naturlich gänzlich verborgen geblieben war, lachte uns nun von den Sonnenstrahlen gekitzelt frech ins Gesicht: Risse und Flecken unbekannten Ursprungs waren nur die Spitze des Eisbergs- es hätte wohl niemanden gewundert, wenn sich darin schon diverse Viecher häuslich eingerichtet hätten.

Im Endeffekt haben wir unseren so rüde geplatzten Traum naturlich nicht mehr in die Wohnung gezaht, hatten aber dann auch nicht mehr die Muße, ihn wieder vor den Toren des Hauses auszusetzen – was zur Folge hatte, dass die Couch tatsächlich für mehrere Monate im Hof unten stand und sowohl von Kindern als auch von anderen Hausbewohnern seines Zustands ungeachtet als willkommene Sitzgelegenheit verwendet wurde.

Das also war die Geschichte, wie Panzer und ich mal völlig sinnlos eine ranzige Couch mit nach Hause nehmen wollten 🙂

Für Rabenherz.

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