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Erschienen im Juni diesen Jahres im Knaur-Verlag, kann ich diesen Krimi jedem ans Herz legen, der einen spannenden, juristischen, aber vergleichsweise unblutigen Pageturner eines deutschsprachigen Autors sucht.

Rachel Eisenberg, eine gestandene, selbstbewusste Mittdreißigerin, frisch geschieden und Mutter einer pubertierenden Tochter, ist eine angesehene, erfolgreiche Anwältin mit entsprechendem Ruf und eigener Kanzlei, die sie zusammen mit ihrem Exmann führt. Der neue Fall, mit dem sie betraut wird, sollte eigentlich nur ein Prestigefall werden: Ein Obdachloser wird verdächtigt, eine junge Frau getötet zu haben, da man ihn in unmittelbarer Nähe zum Tatort angetroffen hat.

Womit Rachel Eisenberg nicht rechnet: Bei dem Obdachlosen handelt es sich um ihren Exfreund aus Jugendjahren, Heiko Gerlach, der sein Leben als Uniprofessor für Physik sowie seine letzte Beziehung in den Sand gesetzt und dadurch alles verloren hat. Dennoch kann er weder ein Alibi vorweisen, noch sich einen Verteidiger leisten, weshalb sich Rachel trotz gemischter Gefühle seines Falles annimmt. Anfangs zeigt sich der Verdächtige noch kooperativ, und es sieht so aus, als ob man ihn durch die Aussagen anderer Obdachloser entlasten könne, als er plötzlich und ohne sich mit Rachel abgesprochen zu haben, ein wirres Geständnis ablegt. Rachel, die ihm sein Geständnis nicht abnimmt, setzt alles daran, seine Verurteilung zu verhindern, obwohl sie damit offensichtlich gegen Gerlachs Intention, sich wegsperren zu lassen, angeht.

Bald kommt auch ans Licht, dass sich die Polizei verdächtig schnell mit dem Geständnis zufrieden gibt und weitere Ermittlungen einstellt – für Rachels Geschmack zu schnell. Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass sowohl seitens der Polizei als auch seitens der Staatsanwaltschaft geschlampt wurde, was die Aufklärung des Mordes und den Hintergrund der Ermordeten betrifft, also begibt sich Rachel selbst auf Spurensuche in der Obdachlosenszene und in die Vergangenheit des Opfers und stößt dabei auf ein Geflecht aus Lügen, Trug und falschen Spielen …

 

Rachel Eisenbergs schnippischer schwarzer Humor durchzieht, gemeinsam mit pointierten, zum Schmunzeln veranlassenden Anspielungen auf ihren jüdischen Glaubenshintergrund, das gesamte Buch und sorgt für die Auflockerung längerer handlungsarmer Passagen, von denen es in diesem Krimi aber nur äußerst wenige gibt. Föhr versteht sich auf eine prägnante, spannende Erzählweise und wechselt nur zwischen zwei Perspektiven bzw. Zeitsträngen hin und her, von denen beide essentiell für den weiteren Verlauf sind.

Im Vergleich zu den düsteren Skandinaviern, wo sich teilweise die völlige Abwesenheit von Glück auf das Gemüt des Lesers schlägt, bedient sich Föhr hier aus allen Gefühlsspektren des Menschen: sowohl die Beziehung zwischen Rachel und ihrem Exmann Sascha, die Probleme von Tochter Sarah und Rachels Verwirrung im Bezug auf Heiko Gerlach finden ihren Platz und fügen sich stimmig in das Gesamtkonzept.

Freunde der Krimis von John Grisham und Sebastian Fitzek werden mit diesem Buch ihre helle Freunde haben; Fans von blutigeren Gemetzeln á la Andreas Gruber oder Erik Axl Sund werden im Hinblick auf die geringe Anzahl an Morden und den Hergang derselben eher enttäuscht sein. Kein Splatter, keine durchgeknallten Psychokiller abseits des menschlich Fassbaren; jedoch ein guter, strukturierter Krimi mit facettenreichen Charakteren und überraschenden Wendungen, spannend bis zum Schluss und gekrönt von einem stimmigen Ende.

„Eisenberg“ von Andreas Föhr macht Lust auf mehr Bücher mit der taffen Protagonistin.